AIV-Treff 7.Juni 2011: Entwicklung Wissenschaftshafen und Planung Reichseinheitsspeicher

Um 18 Uhr, bei schönstem Wetter trafen sich zahlreiche Mitglieder und Freunde des AIV um zu erfahren, wie die weitere Planung für den Wissenschaftshafen in Magdeburg aussehen soll. Vorher gab es aber noch etwas Besonderes zu besichtigen, was in der Einladung gar nicht vermerkt war. Hierzu mussten wir einen etwas unwegsamen Teil des Hafengeländes durchqueren, aber da stand sie dann in ihrer ganzen Pracht – die "Gustav Zeuner", ein wieder aufgebauter Kettenschleppdampfer aus dem Jahr 1894. Damit haben die Mitarbeiter der GISE mbH in Zusammenarbeit mit dem Jobcenter ARGE Magdeburg GmbH ein einzigartiges technisches Denkmal der Kettenschifffahrt auf der Elbe geschaffen, eine Leistung, die nicht hoch genug eingeschätzt werden kann, wenn man bedenkt, dass die komplizierten Rekonstruktionsarbeiten unter teilweise widrigen äußeren Bedingungen von ständig wechselnden Arbeitskräften mit oft artfremder Ausbildung, nur unter der Anleitung von einigen, wenigen Fachkräften des Stammpersonals durchgeführt wurden. Einer dieser "Männer der ersten Stunde" führte uns um und durch das Schiff und aus seinen Worten spürte man die Begeisterung, die man braucht, um über fünf Jahre an diesem "Wunderwerk zu feilen". Uns wurde anschaulich vor Augen geführt, dass es sich bei der Kettenschifffahrt nämlich nicht um ein rückständiges, umständliches und Energie "fressendes" Transportverfahren handelte, weil das Ganze ja an einer auf dem Grund des Flusses liegenden, in diesem Fall 734 km langen Kette (zwischen Hamburg und Melnik!), lief. Das Gegenteil ist der Fall – hierdurch konnten mittels innovativer Technik mit relativ geringem Energie- und Personaleinsatz große Gütermengen wirtschaftlich stromaufwärts transportiert werden. Erstaunlich ist, dass hier bereits Wasserstrahl-Turbinen für den Hilfsantrieb eingesetzt wurden (Prof. Gustav Anton Zeuner war der Erfinder des Wasserstrahl-Turbinen-antriebs). Dieser erste Teil des AIV-Treffs wurde bereits mit viel Beifall bedacht und es sei an dieser Stelle jedem Technikfreund-natürlich auch der Technikfreundin- empfohlen, dieses Technikdenkmal unter sachkundiger Führung einmal zu besich-tigen. Es lohnt sich. (Info unter www.kettendampfer-magdeburg.de)


Nun ging es zurück in den Vortragssaal. Hier war inzwischen ein Imbiss angerichtet, an dem sich alle erst einmal "stärkten", um danach mit großer Aufmerksamkeit den Worten unseres Vereinsmitgliedes Dr.Dieter Scheidemann, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Bau und Verkehr, zum Thema Masterplan-Wissenschaftshafen zu folgen. Dieser Masterplan soll als städtebauliches Rahmenkonzept für die weitere Bauleitplanung der einzelnen Bereiche des Wissenschaftshafens dienen. Der Wissenschaftshafen soll sich zu einem urbanen Zentrum von Wirtschaft, Wissenschaft und städtischem Leben entwickeln (die Nachfrage künftiger Investoren soll bereits jetzt schon überwältigend sein!). Das Hauptziel ist die bessere städtebauliche Verbindung der Institute und Unternehmen des Wissenschaftshafens mit dem Universitätsgelände und darüber hinaus mit der Alten Neustadt. Hierfür soll speziell der Bereich zwischen Theodor-Kozlowski-Straße und Sandtorstraße bearbeitet werden. Dazu soll am Ende der Sandtorstraße der "Sandtorplatz" geschaffen werden. Dieser Platz würde dann als Bindeglied zwischen den oben genannten drei Bereichen dienen, quasi als gemeinsamer "Eingang". Wie schon aufgeführt soll der Wissenschaftshafen nicht nur ein Forschungs- und Arbeitsgelände für 4000 Mitarbeiter werden (jetzt sind es schon 1000), sondern soll neben Wohnungen für ca.600 Einwohner (u. a. in den beiden umzubauenden Reichseinheitsspeichern) auch eine Anzahl von Dienstleistungs- und Freizeiteinrichtungen bieten. Die Rede ist hier von Sportanlagen, einer Marina, einem "schwimmenden Schwimmbad", von der Präsentation historischer Schifffahrts- und Hafentechnik aus dem bereits vorhandenen Fundus – die "Gustav Zeuner" stellt hierfür schon einen eindrucksvollen Anfang dar – und Anderem mehr. Dazu gehören die notwendigen Verkehrsanlagen, so auch eine neue Fußgänger- und Fahrradbrücke über das Hafenbecken und vor allem eine optimale Anbindung des Geländes an den ÖPNV, schließlich soll der Wissenschaftshafen weitestgehend vom Autoverkehr entlastet werden. Insgesamt haben wir es hier mit einem sympathischen Plan zu tun, dessen Realisierung enorm zu einer weiteren Festigung des Rufes von Magdeburg als Stadt der Wissenschaft beitragen kann. Dazu kommt als visionäres, im Plan aber bereits genanntes, Ziel eine Fußgänger- und Fahrradbrücke über die Elbe in Richtung Elbauenpark. Inwieweit diese auch als direkte Verbindung zu der in einem wunderbaren, aber doch recht abgelegenen Campus befindlichen Fachhochschule dienen könnte, sollte überlegt werden. Zweifellos könnte sich die Pflege der bestehenden wissenschaftlichen Beziehungen zur Universität dadurch einfacher gestalten (eine im Plan wohl nicht genannte Vision wäre auch ein "Umzug" des Schaufelraddampfers "Württemberg" in die Nachbarschaft der "Gustav Zeuner" und damit eine durchaus wünschenswerte Konzentration Magdeburger Schifffahrtsgeschichte an einem repräsentativen Platz. Aber wie gesagt, eine Vision…!). Die Anwesenden dankten unserem Vereinsmitglied Dr. Scheidemann für die mit großer Sachkenntnis vorgetragenen Informationen, schließlich ist er seit Jahren der Verantwortliche unserer Stadt für die Entwicklung des "Erfolgsmodells" Wissenschaftshafen.



Der dritte Teil unseres AIV-Treffs wurde durch den Architekten Uwe Thal gestaltet und galt einem wesentlichen Teil des Gesamtvorhabens, den beiden "Reichseinheitsspeichern". Diplom-Archi-tekt Uwe Thal, dessen Büro sich speziell mit Sanierung und Denkmalschutz befasst, gab zuerst einen Überblick zur Geschichte des seit 1887 geplanten und 1893 fertig gestellten Handelshafens, ehe er sich direkt dem Zweck und in der Folge der interessanten Konstruktion und Bauweise dieser, jetzt zur Umnutzung nach erfolgtem Umbau vorgesehenen, Gebäude widmete. Sie waren zur Zeit des Nationalsozialismus Teil des so genannten Vierjahresplanes, der der Vorbereitung des Krieges diente, indem er u.a. eine weitestgehend autarke Versorgung des Landes mit kriegswichtigen Gütern schaffen sollte. Sie wurden als Typenspeicher bezeichnet, nicht im Sinne einer einheitlichen Bauweise, sondern wegen einheitlicher technologischer Vorgaben und wurden in einer Vielzahl im gesamten "Reichsgebiet" in sehr kurzer Vorbereitungs- und Bauzeit errichtet. Die beiden Gebäude haben jeweils einen Bodenspeicher- und einen Zellenspeicherbereich, ihre Stahlbetonkonstruktion mit Pilzkopfdecken ist für Belastungen von 1500 kp/m² ausgelegt. In diese typischen Industriebauten hat Uwe Thal 180 interessante Wohnungsgrundrisse "hineingearbeitet" ohne das markante äußere Erscheinungsbild dieser stadtbildprägenden Gebäude wesentlich zu verändern und damit eine wahrhaft komplizierte Aufgabe gelöst. Zusammen mit der schon geschilderten, zumeist auch noch im Planungsstadium befindlichen Infrastruktur kann man sich hier das Wohnen, besonders für die hier Beschäftigten, als recht angenehm vorstellen. Auch dieser Beitrag wurde mit viel Beifall bedacht, so dass die Teilnehmer dieses Treffs mit dem Gefühl nach Hause gehen konnten, wieder viel Neues aus berufenem Mund über den derzeitigen Planungsstand des zur Zeit wohl interessantesten Baugebietes der Stadt Magdeburg, mit dem zugkräftigen und durchaus auch werbewirksamen Na-men Wissenschaftshafen, erfahren zu haben.

Erich Deutschmann