Besichtigung des Neubaus "Leibniz-Institut für Neurobiologie" am 5.April 2012


Eigentlich sollte zum diesjährigen Apriltreff des AIV-Magdeburg die Besichtigung eines Brückeneinschubes stattfinden, aber wie das manchmal mit den Terminen im Baugeschehen so ist – es war noch nicht soweit. Dafür hat unser Vereinskollege Horst Dettmar kurzfristig die Besichtigung dieses äußerst interessanten, erst im Dezember 2012 eingeweihten und in unmittelbarer Nachbarschaft zur Medizinischen Fakultät der Otto von Guericke Universität liegenden, Institutskomplexes organisiert. – Vorab gesagt: Diese Veranstaltung war sicher genauso interessant, wie der Brückeneinschub.



Der Einladung waren wieder zahlreiche Mitglieder und Gäste des AIV gefolgt, denn wann hat man als Außenstehender schon die Möglichkeit, eine derartig hochsensible Forschungseinrichtung – man denke hierbei nur an den Begriff Hirnforschung – in aller Ausführlichkeit , noch dazu unter kompetenter Führung, zu besichtigen.



Für die, notwendigerweise, umfangreichen Erläuterungen dieses Komplexes konnte der hierfür verantwortliche Planer Dipl.-Ing.Architekt Michael Jäger, Geschäftsbereichsleiter Architektur des pbr- Planungsbüro Rohling AG in Magdeburg, erfahren in der Planung von Forschungseinrichtungen, gewonnen werden. Erschienen waren auch Projektsteuerer Rüdiger Hartewig von hartewig mölle consult aus Magdeburg und Mitarbeiter des Institutes, unter ihnen Dr.Wilko Altrock, Wissenschaftlicher Baukoordinator des Vorhabens.


In seinem Vortrag im Konferenzsaal erläuterte Herr Jäger, wie das umfängliche Raumprogramm (462 Räume mit insgesamt 7500 m² Hauptnutzfläche) in den 5 Vollgeschossen dieses Ersatzneu-baus für ein, nicht mehr den heutigen funktionellen Anforderungen genügendes, Institutsgebäude aus dem Jahr 1981, so eingeordnet wurde, dass unterschiedlichste Anforderungen an Aufstellungs-bedingungen (z.B. Erschütterungsfreiheit, Schallschutz, Schutz vor kleinsten Magnetfeldern usw.) bei Vorhandensein benachbarter starker Emissionen (z.B. extreme Magnetfelder der MRT-Anlagen, hohe Lautstärken von Scannern usw.) erfüllt werden konnten. Es waren, neben Laboren mit durchschnittlichen Anforderungen, Laborräume für hochspezialisierte Nutzungen, z.B. Neurophysiologie-Labore für die Messung kleinster Hirnströme oder Labore für die Elektro- und Magnetoenzephalographie und für die Einzelphotonen-Emissions-Tomographie zu schaffen und die entsprechende Anzahl von jeweils neben den Laboren liegenden Büro- bzw. Auswertungsräumen, dies eine Forderung der flexiblen Organisation der Forschungsprozesse. Ein Mikroskopiebereich war zu schaffen, Schallkabinen, aber auch eine große Tierhaltungsanlage (interessanterweise nicht, wie sonst üblich, im Keller, sondern hier im obersten Geschoss, zwecks Verbesserung der Arbeitsbedingungen) mit höchsten hygienischen Ansprüchen, dazu wiederum auch einzelne, temporäre, Tierhaltungen nahe den einzelnen Forschungsbereichen. Eine Anzahl zentraler Einrichtungen, wie der Konferenzbereich, die wissenschaftliche Bibliothek und eine Cafeteria wurden zusammenhängend im Erdgeschoss angeordnet – und nicht zu vergessen: Ein großer Werkstattbereich für die Realisierung ständig neuer Versuchsanordnungen gehörte auch zum Programm.



Hierfür waren optimale Grundrisslösungen erforderlich, einmal für die Flexibilität durch ein gemeinsames Modul von 20 m², zum anderen durch eine geschickte "Verschränkung" des Komplexes, den der Architekt, in gestalterischer "Referenz" an die gegenüberliegenden Gebäudezüge der denkmalgeschützten Bruno Taut-Siedlung, so gestaltete, dass eine maximale Fassadenlänge und damit die maximale Anordnung der Arbeitsräume an der Außenseite – mit dem für Laborarbeiten, aber auch für wissenschaftliche Arbeiten so notwendigen Tageslicht- ermöglicht wurde. Die relativ kurzen Flure erhielten dadurch an den Enden ebenfalls Tageslicht, so dass zusammen mit dem geräumigen Atrium im gesamten Gebäude eine freundliche Helligkeit herrscht, die sich bestimmt stimulierend auf die Leistung der Mitarbeiter auswirkt.

Einen Schwerpunkt der Bauaufgabe bildete die extrem aufwändige technische Ausstattung und Ausrüstung. Für die Mitarbeiter und ihre komplizierten Geräte waren z.B. die raumklimatischen Be-dingungen durch zwei Technikzentralen von zusammen 1000 m² Fläche zu schaffen. Neben 24 Lüftungsgeräten wurden 64 Luft-Wärme-Pumpen, 2 Gas-Brennwert- Kessel und ein Blockheizkraftwerk eingebaut. Eine eigene Trafostation für die Absicherung des hohen Strombedarfs und ein Notstromaggregat (für die Aufrechterhaltung der wichtigsten Prozesse im Fall einer Havarie) waren ebenfalls notwendig. Neben den Luft-Wärme-Pumpen sorgt eine Photovoltaik-Anlage für die Energiegewinnung durch alternative Medien. Hinzu kommt ein Vakuum-Rohrnetz für die Ver- und Entsorgung der Tierhaltung, eine Wiedergewinnungsanlage für Helium und eine Abfallcontaineranlage.

Wesentlich war bei dieser Forschungseinrichtung auch die Gewährleistung der Sicherheit vor Ge-fährdungen aller Art, sei es der Brand- und Explosionsschutz oder der Schutz vor Strahlungen, der Schutz vor Verätzungen usw. Hierfür wurde eine flächendeckende Brandmeldeanlage geplant, aber auch die sogenannten "Laborduschen" waren auf den Fluren zu sehen. Einen Sonderfall stellt die Hochdruck-Sprühnebel-Löschanlage im Atrium dar, mittels dieser die Evakuierungsfähigkeit der offenen – gestalterisch attraktiven – Treppe ermöglicht wird.



Dies alles konnten die Besichtigungsteilnehmer im Anschluss an den Vortrag bei einer interessanten Besichtigungstour, "treppauf – treppab" in Augenschein nehmen und Fragen stellen, die gern be-antwortet wurden. In den Labor- und Büroräumen, wo, trotz fortgeschrittener Tageszeit, noch vielfach gearbeitet wurde, in der Werkstatt, in der "Bewegungsgeräte" für kleinste Insekten(!) konstruiert wurden, überall gab es Interessantes für alle Teilnehmer zu sehen, die Dachebene war eine wahre "Dachlandschaft" mit vielfältigen, geschickt gestalteten technischen Einrichtungen, das Unterge-schoss glich einem mittleren Industriebetrieb, an alles Notwendige für den Forschungsbetrieb war gedacht worden. Aber auch die Gestaltung des Atriums und der zentralen Räume gefiel, schließlich braucht ein Wissenschaftsbetrieb kommunikationsfördernde Bereiche mit einer ansprechenden Raumgestaltung.

Die Proportionen des Komplexes sind ausgewogen, man hat hier, wie auch bei der sorgfältigen, zurückhaltend eleganten Fassade, feinfühlig aus sandfarbenen Klinkern in drei Formaten entwickelt, den Eindruck, dass sich alles in die Umgebung unaufdringlich einfügt und trotzdem eine eigene Haltung hat.

Die Planung und Realisierung dieser immensen Bauaufgabe war nur durch eine enge, verständnisvolle Zusammenarbeit zwischen den Planern, der Bauleitung, hier die Assmann Beraten und Planen GmbH Magdeburg, dem auf Termin- und Kosteneinhaltung achtenden Projektsteuerer, dem Nutzer und den ausführenden Betrieben möglich, zumal neben den hohen Forderungen der Nutzung auch erhebliche Beeinträchtigungen des Bauablaufes aus dem Außenbereich kamen. So erforderten die knappe Grundstücksfläche, die durchgehende Hanglage, ein äußerst komplizierter Baugrund und die volle Beibehaltung der Funktionsfähigkeit des unmittelbar angrenzenden alten Institutsgebäudes (bis zum Umzug in den Neubau!) - und dessen Sprengung nach Fertigstellung des Neubaus - operative Lösungen vielfältiger Art, und das bei weitestgehender Einhaltung des vorgegebenen Kostenrahmens.

Die Besichtigungsteilnehmer konnten hier wieder einmal ein äußerst interessantes und gut gestaltetes Gebäude als einen weiteren Baustein der Wissenschaftsstadt Magdeburg durch sachkundige Erläu-terung und Führung kennenlernen. Hierfür sei den Organisatoren, insbesondere dem Planer Dipl.-Ing.Architekt Michael Jäger und den Mitarbeitern des Leibniz-Institutes für Neurobiologie an dieser Stelle nochmals herzlichst gedankt.

Erich Deutschmann
(Bilder Liedmann, Prottengeier)