AIV- Treff 5.Juni 2012 – "Begehung der Westfront der Magdeburger Festungsanlagen-Kavalier VI in der Maybachstraße"

Zu den "geheimnisvollen Orten" Magdeburgs zählen sicher die umfangreichen Festungsanlagen, die immer noch recht häufig an verschiedenen Stellen des Stadtgebietes zu erkennen sind. Leider kommen wir "Normalbürger aber kaum in diese interessanten Baulichkeiten hinein", einmal abgesehen von der "Kulturfestung Kaserne Mark", und wenn – ohne fachliche Führung würde es keinen Sinn machen, weil es sich hier um außerordentlich komplizierte Anlagen handelt und es wäre auch viel zu gefährlich. Hier verhalf einer Gruppe interessierter AIV-Mitglieder unser Vereinskollege Lutz Gröschner nun zu einer sehr informativen Begehung der Westfront der Festung Magdeburg unter fachlicher Führung des Magdeburger Festungsexperten Dr.Bernhard Mai.



Treffpunkt war der Eingang zum Kavalier VI, einem wesentlichen Teil der Gesamtanlage im Bereich der Maybachstraße (Kavaliere III bis VIII) - und schon gab es den ersten Fachbegriff zu klären: Es handelt sich (einfach gesagt!) um eine Kaserne im Festungswall mit einer oben aufgesetzten Geschützstellung, in diesem Fall ein reiner Ziegelbau, fast 140 Jahre alt, 160 m lang, zweigeschossig, polygonal gezogen. Schon die sehr gut erhaltene Innenhoffassade als Pfeilerkonstruktion mit dazwischen gespannten Wänden (beigefarben auf der Innenhofseite, rot auf der "Beschussseite") ist beeindruckend, eben typisch preußisch. Und dann folgten in den ausführlichen Erläuterungen von Dr.Bernhard Mai weitere "Fremdwörter", wie z.B. Poterne, Kasematte, Glacis, Ravelin, Künette, Kaponniere, Kurtine usw., "die ganze Palette", aber alle verständlich erklärt, so dass man sich langsam ein Bild machen konnte, wie diese Festungsanlage insgesamt funktionieren sollte, denn zum Einsatz kam sie nicht – um 1900 erfolgten die ersten Stilllegungen bzw. Abbrüche und 1912 wurde die einst so mächtige Festung Magdeburg aufgegeben, man brauchte sie- ganz einfach- nicht mehr. Danach wurde sie von der Reichsbahn übernommen und zivil genutzt. Die Aufgabe der Festung, noch vor dem 1.Weltkrieg, war im Nachhinein ein Glücksfall, denn so fiel sie nicht unter die Bestimmungen des Versailler Vertrages, wurde deshalb nicht geschleift und blieb uns so bis heute, nicht zuletzt dank ihrer hochqualitativen Bauweise, in recht gutem Zustand erhalten.

Doch der Verfall droht, aber was soll man damit in der heutigen Zeit anfangen, nachdem die meisten Nutzungen aus der DDR-Zeit aufgegeben wurden? Einige, teils recht erfolgreiche, Beispiele gibt es bereits wieder in Magdeburg, hier im Kavalier VI versucht der junge Magdeburger David Mangelsdorf in einzelnen Abschnitten die Gewölbehallen für geeignete Nutzungen (z.B. Einkaufseinrichtun-gen, Proberäume u.dgl.) zu sanieren, eine interessante Idee für ein derartig spektakuläres Ambiente, aber sicher auch eine sogenannte "Lebensaufgabe". Vielleicht könnten hier junge Leute einmal in enger Nachbarschaft ihre handwerklichen und künstlerischen Ideen verwirklichen, aber auch vermarkten. Es ist ein schwieriger Beginn, denn es fehlt leider ein alles umfassender Bebauungsplan für das gesamte, recht große Areal, es gibt nur jeweils vorhabenbezogene Einzelpläne.



Bevor wir aber den teilsanierten Bereich erreichen konnten, hatten wir einen hindernisreichen, etwas "lichtarmen" Weg durch das Untergeschoss und über die Geschosstreppe zu absolvieren, der uns allerdings schon Gelegenheit bot, die alten Konstruktionen zu bestaunen, z.B. die hier besonders stark ausgebildeten Preußischen Kappendecken über dem Untergeschoss. Auch die bereits er-wähnte Poterne (ein Tunnel durch den Wall) war zu sehen. Ein wirkliches "Flair" erwartete uns dann in der Helligkeit des Obergeschosses, wo man schon die künftige Atmosphäre der großen Räume mit den mächtigen Pfeilern und den dazwischen spannenden Tonnengewölben erahnen konnte. Eine voll funktionsfähige Nutzungseinrichtung konnten wir danach in der modernen Schießanlage im ehemaligen Pulvermagazin besichtigen. Hier erfuhren wir dann auch viele Einzelheiten über den Umgang mit diesem gefährlichen Stoff in der Festungszeit. Dr.Bernhard Mai hatte noch mehr zu berichten, so über den Unterschied zwischen Festungsartillerie und Feldartillerie, über den Wert von Artilleriepferden (ein Pferd = ein Maschinengewehr!). Diese Pferde waren nämlich speziell abgerichtet, wozu auch die sogenannte "Schussfestigkeit" gehörte. Auch die Begriffe Bastion, Geschossaufzug, Geschützrampe und Infanterieaufgang kamen zur Sprache.

Zum Programm gehörte dann noch ein Spaziergang durch den Graben entlang der Wallanlage mit der von unzähligen Schießscharten unterbrochenen Vormauer aus Natursteinen und der auffälligen Doppelkaponniere, einem schusssicheren zweigeschossigen Rundbau zur Grabenbestreichung (durch Beschuss!). Hier erfuhren wir dann auch, welche nur schwer ertragbaren Zustände im Gebäudeinneren bei einem Dauerbeschuss geherrscht haben müssen. Man denke nur an den Lärm, die Erschütterungen, besonders aber an den Pulverdampf, für dessen Abzug ein ausgeklügeltes natürliches Lüftungssystem, heute noch an der Außenwand erkennbar, vorgesehen war.

Leider gab es in diesem Bereich aber einen "Wermutstropfen", nämlich der leidvolle Zustand der Künette (Entwässerungsrinne in der Grabensohle) und die damit verbundene Gefährdung der ge-samten Wallanlage, was an den Unterspülungen der Vormauer bereits fest zustellen ist. Dieser, nur für die Entwässerung des Festungsgeländes gedachte, Graben wird unzulässigerweise für die Re-genentwässerung eines größeren Teilgebietes im Westen der Stadt benutzt und dafür ist er einfach nicht dimensioniert. Wir konnten die starken Vernässungen des Geländes sehen. Und dabei wurde dieser Festungsgraben vor einigen Jahren durch erhebliche ABM-Leistungen in einen einzigartigen Spazier- und Radweg verwandelt. Nun ist er gesperrt und verwandelt sich wieder – diesmal in eine verkommene Wildnis, die zusehend durch Sprayer und Randalierer "in Besitz genommen" wird. Hier ist Gefahr im Verzug.

Nachdem die Anlage umrundet war und noch eine Original-Festungstür besichtigt werden konnte, ging diese interessante Veranstaltung ihrem Ende entgegen. Den lebhaften Beifall der Teilnehmer hatte sich Dr.Bernhard Mai mehr als verdient.


Erich Deutschmann