Besichtigung des Bundesverwaltungsgerichtes in Leipzig

Das Reichsgerichtsgebäude ist als Gerichtsgebäude für das Reichsgericht entworfen und gebaut worden und dient heute dem Bundesverwaltungsgericht als Sitz. Es liegt in unmittelbarer Nähe des Neuen Rathauses am Rande des Leipziger Stadtzentrums.



Unser AIV besuchte am 5. Oktober 2012 dieses großartige und aufwendig denkmalsgerecht restaurierte Bauwerk. Herr Schmidt, eigentlich Kraftwerksingenieur von Beruf, brachte uns die Einzelheiten in launiger Weise näher. Er verband damit zusätzlich auch ein gutes Teil Leipziger Stadtgeschichte.

Errichtet wurde das Reichsgerichtsgebäude in siebenjähriger Bauzeit zwischen 1888 und 1895 von Ludwig Hoffmann (1852–1932) und Peter Dybwad (1859–1921). Sie hatten den Architekturwettbewerb gewonnen, bauten aber dann in etwas abgewandelter Form. Der Bau knüpft an die italienische Spätrenaissance (und damit an die römische Antike) sowie an Bauten des französischen Barock an. Die herkömmliche Einordnung des Gebäudes in den späten Historismus hat sich im Rahmen einer kunsthistorischen Analyse des Gebäudes als problematisch erwiesen. Das Reichsgerichtsgebäude ähnelt dem Reichstagsgebäude. Die Bauten sind zur gleichen Zeit errichtet worden und sind historischen Schloss- und Museumsarchitekturen verpflichtet.


Auf dem imposanten Gebäude thront eine hohe Kuppel, die mit der Skulptur Die Wahrheit verziert ist. Das Hauptportal des Gebäudes zeigt nach Osten auf den nach dem ersten Präsidenten des Reichsgerichts Eduard von Simson (1810–1899) benannten Platz. Die Nordseite schmücken Skulpturen von auch heute noch als bedeutend angesehenen Personen der deutschen Rechtsgeschichte Eike von Repgow (Sachsenspiegel), Johann von Schwarzenberg (Constitutio Criminalis Bambergensis), Johann Jacob Moser, Carl Gottlieb Svarez (Allgemeines Landrecht), Anselm von Feuerbach und Friedrich Carl von Savigny.



Das Innere des Gebäudes ist sowohl funktional als auch gestalterisch auf die ursprünglich angestrebte Nutzung als Reichsgericht ausgelegt. Die Skulpturen, Plastiken und aufwändigen Wandmalereien beschäftigen sich mit den Themen Untersuchung, Urteil, Vollstreckung und Gnade. Besonders prachtvoll gestaltet ist der Große Sitzungssaal, an dessen Wänden Sinnbilder und Wappen aller damaligen Bundesstaaten prangen. Die Bleiglasfenster dort zeigen die Wappen aller Städte, die Sitz eines Oberlandesgerichts waren.

Wir spürten, dass der gesamte Bau, als typische gründerzeitliche Anlage, mit seinen riesigen Dimensionen auch ausdrücken sollte, wie klein und bescheiden der Bürger gegenüber Staat und Gesetz zu bleiben hat. Hoffentlich nur im historischem Sinn.



Das Gebäude diente von 1895 bis 1945 seiner eigentlichen Bestimmung zur Beherbergung des Reichsgerichts. Außerdem hatte hier die Reichsanwaltschaft ihren Sitz, die als oberste Anklagebehörde historische Vorläuferin der Bundesanwaltschaft war. Im Zweiten Weltkrieg wurde das Gebäude stark beschädigt. Nach der Sanierung zog im Mai 1952 das Museum der bildenden Künste ein, dessen eigenes Museumsgebäude zerstört worden war. Im Großen Sitzungssaal wurde eine Ausstellung über den Reichstagsbrandprozess mit dem Titel „Georgi-Dimitroff-Museum“ eingerichtet. Im Laufe der Jahre wurden weitere Räume von verschiedenen Institutionen genutzt, so von der Leipziger Außenstelle des Landeshauptarchivs Sachsens, vom Geographischen Institut, der Geographischen Gesellschaft und einem Synchronstudio der DEFA.

Bis in die 1990er Jahre war außerdem die Deutsche Zentralstelle für Genealogie im Gebäude des Reichsgerichts untergebracht. Nach dem Bau des Staatsarchivs Leipzig 1995 wurde die DZfG dorthin eingegliedert und verlegt.

Nach der Deutschen Wiedervereinigung wurde das höchste bundesdeutsche ordentliche Gericht, der Bundesgerichtshof, nicht an den ehemaligen Standort des Reichsgerichts verlagert. Ausschlaggebend für diese Entscheidung des Deutschen Bundestages waren politische Standorterwägungen im föderalen Verteilungskampf der Bundesländer. Das vorbildlich restaurierte Gerichtsgebäude des ehemaligen Reichsgerichts in Leipzig wird heute zweckentsprechend vom Bundesverwaltungsgericht genutzt.

Die Entscheidung des Bundestages, das Gebäude nicht für den Bundesgerichtshof zu nutzen, wurde zudem damit begründet, dass das Reichsgericht eng mit dem nationalsozialistischen Unrechtsstaat verstrickt gewesen sei. Gleichwohl betrachtet sich der Bundesgerichtshof als legitimer Inhaber der Bibliothek des Reichsgerichts, die nur zu Teilen in das Bundesverwaltungsgericht in Leipzig zurückgekehrt ist.


Von Mitte 1998 bis Oktober 2001 wurde das Gebäude aufwendig saniert. Um dem Platzbedarf des Bundesverwaltungsgerichtes Rechnung zu tragen, wurde auf das Dach ein weiteres Obergeschoss aufgesetzt, das jedoch so weit hinter die Dachbalustrade zurückgesetzt ist, dass das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes nicht gestört wird. Vor dem Gebäude wurde der Pleißemühlgraben wieder ans Tageslicht geholt, er floss hier lange Jahre unterirdisch.

Am 26. August 2002 wurde der Sitz des Bundesverwaltungsgerichts vom Gebäude des ehemaligen Preußischen Oberverwaltungsgerichts in Berlin ins Reichsgerichtsgebäude nach Leipzig verlegt.


Heinz Karl Prottengeier

(teilweise Wikipedia-Text)