AIV-Treffs im Mai 2014: Biogasanlage Ebendorf und PALÄON Schöningen

Für den Monat Mai 2014 hatte das Organisationsteam des AIV-Magdeburg diesmal zwei interessante Veranstaltungen geplant.

Zuerst traf sich eine Gruppe interessierter AIV-Mitglieder und Gäste am 7.Mai auf einem Bördeacker bei Ebendorf, unweit der Stadtgrenze von Magdeburg, um die dortige, von der ABO WIND aus Wiesbaden im Auftrag der UDI aus Wiesbaden errichtete und technisch betriebene Biogasanlage zu besichtigen. Erstaunt mussten die meisten von uns nach der Begrüßung durch Thomas Trautner, Leiter Anlagenbetrieb Bioenergie der UDI und Matthias Neuss, Betriebsleiter von der ABO WIND wahrnehmen, welch eine hochkomplexe technische Anlage sich hier zeigte. Von weitem sieht sie nämlich nur so aus wie eine der harmlosen Siloanlagen eines landwirtschaftlichen Betriebes, mit den kreisrunden Behältern, bekrönt von grünen Folienkuppeln, die zumindest hier in der Magdeburger Börde gar nicht so selten sind. In Wirklichkeit sind es landwirtschaftliche Gaskraftwerke - und die "haben es in sich", wie wir bei der Führung durch Betriebsleiter Matthias Neuss erfahren konnten. Die angewandte Technologie zur Gaserzeugung ist hochkomplex, hier müssen biologische, chemische und energetische Prozesse koordiniert werden und dafür ist das notwendige technische Equipment vorzuhalten, wobei die Vermeidung von Sicherheitsproblemen eine so große Rolle spielt, dass wichtige Anlagen doppelt vorhanden sein müssen (hochredundanter Betrieb!). Kompliziert ist schon die Bereitstellung der Energieträger. Hier ist es ein Rohstoffmix aus 25% Mais mit speziellen Wildpflanzen aus sonst wenig ertragreichen Böden, Gülle, Putenmist und sonstigen für den Gärprozess geeigneten Abfallstoffen, wobei zunehmend auf die Verwendung von Mais verzichtet werden soll. Dieses Gemisch erzeugt, nach umfänglicher Aufbereitung, in einem Vergärungsprozess mithilfe von Mikroorganismen in Reaktoren ein Gas. Letzteres ergibt nach Entschwefelung, Trocknung und anderen Aufbereitungsmaßnahmen letztendlich reines Methangas. Das dabei auch noch anfallende reine Kohlendioxid muss mangels geeigneter Vorrichtungen vorläufig in die Atmosphäre abgelassen werden. Die erzeugte Gasmenge ist jetzt bereits höher als der in der Umgebung erforderliche Gasbedarf. In einem Blockheizkraftwerk wird daraus Strom erzeugt, der an das Netz abgegeben wird. Mit der produzierten Heizenergie wird das benachbarte Hotel beheizt und künftig auch ein Kindergarten. Es war schon interessant die technischen Anlagen zu besichtigen z.B. die Siloanlage, die Beschickungshalle, den Pumpenraum oder das BHKW, doch mit den erläuternden Worten von Matthias Neuss, der zudem auch jede Frage aus dem Publikum umfassend – und für Laien verständlich – beantwortete, konnte man das Ganze erst in den richtigen Zusammenhang bringen.

Zu weiteren Erläuterungen ging es danach in das naheliegende Hotel, welches, wie bereits oben erwähnt, durch die Biogasanlage beheizt wird. Bei einem nett angerichteten Imbiss sprach Matthias Neuss dann über die wechselvolle Vorbereitungs- und Durchführungsgeschichte des Vorhabens. Insbesondere die geschickte Behandlung der sich steigernden Umweltauflagen war eine Geschichte für sich, wobei auch die beteiligten Behörden des Landkreises im Laufe des Verfahrens sicherlich eine beachtliche Menge von Erkenntnissen zugewinnen konnten. Zeitweilig liefen die Genehmigungsverfahren der Fertigstellung hinterher. Aber mit einer guten Vorbereitung, einer qualifizierten Baudurchführung und einer ebenso einwandfreien Betriebsführung allein ist es nicht getan, man braucht auch das Geld zur Errichtung. Hier waren es schließlich 16 Millionen Euro für die Biogasanlage und 4 Millionen Euro für die Einspeisungsanlage. Darüber sprach dann Tomas Trautner, der die Tätigkeit der UDI (Umwelt- Direkt- Invest) als Anbieter umweltfreundlicher, profitabler und sicherer Geldanlagen vorstellte. Die Arbeit der UDI beruht auf festen Qualitätskriterien für Windkraft-, Solar- und Biogasanlagen nach denen die einzelnen Projekte geprüft werden, bevor sie in einen Fonds aufgenommen werden. Die Risiken, durch die ein bekanntes Unternehmen ähnlicher Art kürzlich in Schwierigkeiten kam, werden hier durch eine feste Anlagebindung ausgeschaltet, Es werden lukrative, jährlich steigende Zinsen geboten. Ein gewisses Risiko trägt jedoch der Anleger, wie bei jeder unternehmerischen Tätigkeit, schließlich handelt es sich hier nicht um eine einfache, niedrig verzinste Spareinlage. Mit weiteren Details zur Finanzierung endete dann auch dieser Teil einer wiederum äußerst interessanten Veranstaltung des AIV-Magdeburg.

Hierfür ein herzliches Dankeschön an die Vertreter beider Träger des Vorhabens den Initiator dieser AIV-Veranstaltung, unseren Vorstandsmitglied Klaus Fricke.



Eine etwas "familienfreundlichere" Veranstaltung gab es dann am 24.Mai, einem Sonnabend. Hierfür hatte das Organisationsteam des AIV-Magdeburg auf Initiative unseres Vorstandsmitgliedes Horst Dettmar einen Besuch des Paläon genannten Forschungs- und Erlebniszentrums "Schöninger Speere" in Schöningen geplant.

Nach einer etwas komplizierten Anfahrt (mehrere Baustellen und die eben nicht zahlreichen, recht unscheinbaren Hinweisschilder behinderten uns!) erblickte man in weiter Ferne ein eigenartiges Gebilde, einem in Alufolie eingewickelten Geschenkkarton ähnlich. Ein Geschenk muss es dann aber auch gewesen sein, was im Sommer 2013 an die kulturell und damit auch touristisch nicht gerade verwöhnten Schöninger Bürger überreicht wurde. Beim Näherkommen entpuppt sich das Ganze nämlich als ein futuristischer, allseitig spiegelnder Monolith, der gerade vom Himmel gefallen sein könnte, direkt in eine äußerst karge, wüstenähnliche Landschaft (Mondlandschaft?!). Die Fassade verbindet sich durch die Spiegelung mit dem Himmel, man könnte auch sagen: Sie löst sich im Himmel auf. Hier haben die Architekten des Züricher Büros Holzer Kobler, übrigens die gleichen, die das Gebäude der Himmelsscheibe Nebra geplant hatten, nicht an gestalterischer Kühnheit gespart und eine wahre Landmarke geschaffen. Und hier kommen wir auch an die Vorgeschichte des Ganzen. 1994 hatte man bei einer archäologischen Grabung im Braunkohlentagebau Schöningen, einer sogenannten "Rettungsgrabung", acht 300 000 Jahre(!) alte Holzspeere nebst anderen Gegenständen, darunter viele Knochen, gefunden. Der Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt Harald Meller, der seinerzeit die Nebraer Himmelsscheibe zur Weltsensation machte, unterstützte den, um eine geeignete Präsentation seiner gleichfalls sensationellen Funde bemühten, Schöninger Bürgermeister mit seiner Aussage, dass die Speere zu den "zehn wichtigsten archäologischen Funden" zählen. Bis zur Eröffnung des 15 Millionen-Objektes war es dann allerdings noch ein weiter und schwerer, von missgünstigen finanziellen Prophezeiungen begleiteter Weg - als ob man die Bedeutung eines derartigen Objektes ausschließlich aus monetärer Sicht bewerten sollte?! Die von einer GmbH. betriebene Einrichtung konnte aber im ersten Betriebsjahr bereits 75 000 Besucher zählen und hat neben ihrer touristischen und wissenschaftlichen Funktion mittlerweile den Status "Anerkannter außerschulischer Lernort" bekommen.





Bei der Besichtigung zeigte sich der Innenraum, im Gegensatz zur glänzenden Aluminium- Spiegelfassade, in einfacher, weiß gehaltener Wandgestaltung mit wenigen farblich betonten Konstruktionsteilen, was den positiven Effekt einer ausschließlichen Konzentration des Besuchers auf die Ausstellungsstücke und sonstigen Installationen erzeugt. Hier wurden wir von Frau Margarita Cervera de Müller geführt, die uns die ausgestellten Exponate ausführlich erläuterte und in einen erdgeschichtlichen Zusammenhang brachte. Durch die sehr zahlreichen Funde in 10 -15 m Tiefe auf dem sogen. Speerhorizont, einer vollständig ergrabenen Fläche von 10x60 m, konnte viel über die Umweltbedingungen des vor ca. 300 000 Jahren in einer Warmzeit lebenden Menschen, des homo heidelbergensis erfahren werden. Es handelte sich hier um ein Jägerlager mit vier Feuerstellen. So wurden u.a. Reste von Altbibern, Sumpfschildkröten, Wasserbüffeln, Hirschen und sogar Elefanten und vor allem von Pferden gefunden. 25 fast vollständig erhaltene Skelette des Mosbachpferdes, eines nahen Verwandten des heutigen Pferdes, waren unter den Funden. Neben den oben bereits genannten acht Speeren, aus 50-60-jährigen Krüppeltannen gefertigt, fanden sich noch eine Wurflanze, ein Wurfholz und ca.1500 Steinartefakte. Unsere sehr erfahrene Führerin zeigte uns auch noch Griffe für Kompositwerkzeuge (aus den Astansätzen der Tannen), hier konnte man z.B.Steinklingen einsetzen. Unsere damaligen "Vorfahren" waren also durchaus technisch begabt. Ein Vertreter, lebensecht gestaltet, saß dann auch, mit einem Pferdeschädel in der Hand, neben einer riesigen Pferdeskulptur des Berliner Bildhauers Stephan Hüsch inmitten der Ausstellungsfläche. Dies waren nicht die einzigen Kunstwerke. Besonders beeindruckend und auch sehr informativ war das 30 m lange videounterstützte Wandgemälde des auch in Berlin lebenden russischen Künstlers Misha Shenbrot, das die Flora und Fauna aus der Zeit vor 300 000 Jahren in den damaligen Warm- und Kaltzeiten darstellt. Es gäbe noch viel über die Ausstellung im Gebäude zu berichten, aber es gibt ja noch den 24 Hektar großen Außenbereich. Geschickt angeordnete Wandausschnitte lassen faszinierende Ausblicke auf die karge, mit alten Wildpflanzensorten bewachsene Außenfläche zu, die man auch über verschiedene Erlebnispfade für sich erschließen kann.

Nach einem freundlichen Dank an unsere kenntnisreiche Führerin ging es dann zu einer nunmehr notwendigen Stärkung in das gut sortierte Bistro im Erdgeschoss und wer die Kraft dazu hatte unternahm noch einen Ausflug auf die Freifläche, wo man gerade wieder, die zum Museumsprogramm gehörende Herde von Przewalski-Wildpferden sehen konnte. Ein interessanter und angenehmer Ausflug näherte sich seinem Ende. Vielen Dank dafür an unser bewährtes Organisationsteam.


Erich Deutschmann