AIV- Exkursion nach Dresden und Freiberg am 5. und 6. September 2014



Ein lang gehegter Wunsch der Magdeburger AIV-Mitglieder sollte heute in Erfüllung gehen – die Besichtigung der Dresdner Waldschlösschenbrücke. Ein vollbesetzter Bus startete in Richtung DRESDEN, wo man dann am idyllisch gelegenen "Brauhaus am Waldschlösschen" hielt, um, hier einen Vortrag über die Baugeschichte der Waldschlösschenbrücke zu hören, und dies aus berufenem Munde. Holger Kalbe, Sachgebietsleiter Brückenplanungs- und Brückenbausteuerung beim Straßen- und Tiefbauamt Dresden hat das Bauvorhaben vom Anfang bis zum mehr oder weniger glücklichen Ende seitens der Stadt betreut. Es hat Jahre gedauert, vom ersten, allerdings verfrühten, Spatenstich im Dezember 2000 bis zur Eröffnung am 24.August 2013. Die gesamte Geschichte begann aber schon mit einem Bebauungsplan im Jahr 1872, 1937 und 1989 waren die nächsten Etappen. Die Brückenansicht des Wettbewerbssiegers von 1989 sah eigentlich gut aus, aber später gab es andere Prämissen. 1994 wurde ein Generalbebauungsplan aufgestellt, der den Standort am Waldschlösschen als einzig sinnvoll auswies. Damit begannen wohl auch die bekannten "Turbulenzen". Es gab mittlerweile an dieser Stelle diverse Unterschutzstellungen, darunter das FFH-Gebiet "Elbtal von Schöna bis Mühlberg, ein Landschaftsschutzgebiet, Trinkwasserschutzzonen u.a.m. und da gab es schließlich noch die Aufnahme in das UNESCO-Welterbe mit dem Titel "Kulturlandschaft Dresdner Elbtal". Der Widrigkeiten gab es viele, bis hin zum Vorhandensein der sagenhaften "kleinen Hufeisennase"(Sie ward wohl nie gesehen!). 1996/97 lief dann ein Wettbewerb, Sieger wurde das Berliner Büro ESKR, 2004 erfolgte erst die Planfeststellung für das Brückengebiet mit 3 km Straßenlänge (4 Monate danach erfolgte die Ernennung zum Weltkulturerbe!). Inzwischen hatten sich die "Turbulenzen" zu einem riesigen Streit – bekannt als "Dresdner Brückenstreit" - entwickelt, Bevölkerungskreise und Stadtverordnete "wetterten" los, es gab Stadtratsbeschlüsse und Ausschusssitzungen in Mengen. Baumbesetzer, Reisechaoten, alle Arten örtlichen und außerörtlichen "Volkszorns", das bekannte "volle Programm" lief ab. Darüber berichtete Holger Kalbe auf lebendige Art, teilweise, wo es nicht anders ging, mit Sarkasmen gewürzt - das Publikum war höchst interessiert. Die Einwände und Behinderungen kamen aus allen Richtungen, es gab sogar regelrecht falsche Medienberichte, so Holger Kalbe. 2005 ergab ein Bürgerentscheid eine 2/3-Mehrheit für den Bau der Brücke. Die Planung musste laufend geändert werden und wurde sehr teuer. Dann wurde 2007 zur Findung von Alternativlösungen eine sogenannte "Perspektivwerkstatt" durchgeführt, die Ergebnisse waren, gelinde gesagt, merkwürdig. Inzwischen mussten Mediations- und Gerichtsverfahren "durchlitten" werden. Holger Kalbe entwickelte sich dabei immer mehr zum Naturschutzexperten. Aber auch die Aberkennung des Welterbetitels drohte. Zur Abwendung dieser Gefahr erarbeitete der, in der Bevölkerung sehr angesehene, ehemalige Baudirektor der Frauenkirche, Eberhard Burger, im Januar 2008 einige Vorschläge zur Verschlankung der Brücke, aber die UNESCO blieb hart, im Juni 2009 erfolgte die Aberkennung. Der Brückenbau lief, wenn auch unter schwierigen Bedingungen, weiter. Es waren enorme Leistungen der Brückenbauer zu bewältigen. So war die insgesamt 1800 t schwere Stahlkonstruktion, mit Einzelteilen von bis zu 40 t Gewicht und 25 m Länge aus Belgien heranzuschaffen. 2009 sollte der Einschub erfolgen, aber es gab wieder eine Klage. Das Ergebnis war ein halbes Jahr Verzug. Der Einschub musste dann im Dezember bei Frost durchgeführt werden. Zum Bau des Brückenzuges gehörte auch noch ein Anschlusstunnel, der durch ein Wohngebiet führte, auch hier gab es, neben den extremen baulichen Schwierigkeiten, die üblichen Proteste. Hier kommt die Frage auf, ob nicht eine komplette Tunnelanlage besser gewesen wäre, wie z.B. in Hamburg. Die Antwort ist einfach: Es ging nicht, allein schon wegen der vorhandenen Geländesituation. Im August 2013 erfolgte dann, nach einer offiziellen Eröffnung und einem zweitägigen Brückenfest unter riesiger Beteiligung der Bevölkerung, die Freigabe für den Verkehr. Eine 636 m lange Brückenanlage, davon 148 m freitragend über dem Fluss und ein 408 m langer Tunnel, entstanden für 180 Mio Euro, sie sollen nun den Dresdner Verkehr entlasten. 45 000 Fahrzeugbewegungen täglich waren prognostiziert, 25 000 wurden bisher erreicht, man hofft auf mehr!

Für seinen umfassenden und detaillierten Vortrag erhielt Holger Kalbe den verdienten starken Beifall seiner Zuhörer – und er begleitete uns noch an den Ort des Geschehens, um das Gehörte optisch zu vertiefen. Es kamen weitere Details hinzu, die Faszination eines technisch gelungenen Bauwerks nahm uns wieder einmal gefangen. Wie gesagt, die Konstruktion wirkte schon, über die architektonische Wirkung könnte man sich jedoch streiten, aber es ging wohl nicht besser unter den gegebenen Umständen. Inwiefern die Aberkennung des Weltkulturerbes notwendig war, kann man bei der Betrachtung des entstandenen Werkes getrost in Zweifel ziehen. Aber die ganze Angelegenheit wird wohl auch bald vergessen sein (Touristen gibt es in Dresden, auch ohne "Welterbe", zumindest mehr als genug, wie wir uns selbst überzeugen konnten)!



Das weitere Programm fand dann in der Altstadt Dresdens statt: Ein Essen im historischen "Pulverturm" (neben der Frauenkirche und eine Theateraufführung auf dem "Theaterschiff" (unterhalb der Hofkirche) waren durch unser Veranstaltungsteam geschickt platziert worden, so dass es genügend Gelegenheit gab, das pulsierende Treiben in den Gassen am Tag und die Faszination der illuminierten Fassaden am Abend zu erleben. Am Chor der Hofkirche konnte man beispielsweise erkennen, wie eine geschickte Beleuchtung die Fassade regelrecht verzauberte, ihre Historie erlebbar machte, viel deutlicher als am Tage! Ein stimmungsvoller Spaziergang über die Brühlschen Terrassen beendete dann einen erlebnisreichen Tag.



Am nächsten Morgen fuhren wir nach FREIBERG, um im Schloss Freudenstein die mittlerweile schon berühmte Ausstellung "Terra Mineralia", eine der wertvollsten privaten Mineralsammlungen der Welt, zu besichtigen. Der Begriff "privat" ist hierbei besonders zu betonen, denn ohne die Großzügigkeit der Schweizerin Dr.Erika Pohl-Ströher, die ihre Mineralsammlung der "Bergakademie Freiberg" (TU) als Dauerleihgabe überließ, hätte es diese Ausstellung nicht gegeben. Und sie hat den richtigen Ort dafür ausgesucht, denn welche Institution wäre dafür mehr geeignet gewesen als die Bergakademie in Freiberg, in einer Stadt mit einer einmaligen Berg- und damit Mineralgeschichte. Es war schon faszinierend, unter kenntnisreicher Führung, diese Welt der Farben und Formen zu sehen. Man möchte kaum glauben, was die Natur so zustande bringen kann.



Nach einem Essen im historischen Ratskeller hatten wir Gelegenheit, bei einer mit vielen historischen Details ausgeschmückten Stadtführung, die Innenstadt der immer noch berühmten Bergstadt Freiberg kennenzulernen. Sie glänzte nach jahrelanger Sanierung nun in frischen Farben. Auch in den Dom mit der berühmten Tulpenkanzel und der ebenso berühmten Silbermann-Orgel konnten wir noch einen Blick hineinwerfen. Und auch hier hatten wir das Glück einer ausgesprochen qualifizierten örtlichen Begleitung. Deshalb sei an dieser Stelle den Stadt- und Museumsführern in Freiberg, und selbstverständlich auch unserem Brückenfachmann in Dresden herzlich gedankt, ohne sie wäre unsere Exkursion bestimmt nicht so interessant geworden. Und hier auch ein Dankeschön an unser Veranstaltungsteam für eine wiederum hervorragend organisierte Reise des AIV- Magdeburg.


Erich Deutschmann