Filmabend des AIV-Magdeburg am 29.Januar 2015


Mitglieder und Freunde des AIV-Magdeburg kamen zahlreich an diesem kühlen Herbstabend zum "Moritzhof". Ob es an der Seltenheit einer Filmvorführung im AIV-Veranstaltungskalender lag oder an dem Thema des Filmes – es werden wohl beide Ursachen gewesen sein, die das große Interesse hervorriefen! Es wurde der Film "Sagrada – el misteri de la creacio" (Sagrada – The Mystery Of Creation) über den Bau der Kirche "Sagrada Familia" in Barcelona gezeigt. Obwohl viele von uns dieses einmalige Bauvorhaben schon "mit eigenen Augen" gesehen haben… - so eindrucksvoll wie es dieser Film des bekannten Schweizer Dokumentarfilmers Stefan Haupt mit seiner Firma FONTANA FILM darstellen konnte – dafür reicht der Blick eines baufachlich noch so interessieren-den Touristen einfach nicht, das bleibt der Kunst eines guten Dokumentarfilmers überlassen. Es war faszinierend, was wir zu sehen bekamen, allein schon die Vielzahl der Perspektiven und der Aus-leuchtungsarten, welche die Kameraleute gewählt hatten, war überwältigend. Es kamen aber auch immer wieder die "Macher" dieses Jahrhundertbauwerks ins Spiel mit den Berichten über ihre Ar-beitsfelder, mit ihren Überzeugungen, mit ihrem schier grenzenlosen Enthusiasmus…! Einiges klang regelrecht mystizistisch, für uns kühle Nordeuropäer manchmal nicht so leicht vorstellbar, was da ausgesagt wurde. Mannigfaltige Gründe müssen dafür vorliegen, was Menschen vieler Nationalitä-ten, mit verschiedenen ethischen Grundsätzen, an dieser Aufgabe hält, die der bedeutendste Archi-tekt Barcelonas, Antoni Gaudi i Cornet, im Jahr 1883, ein Jahr nach der Grundsteinlegung, über-nommen hatte und an der er bis zu seinem tragischen Lebensende im Jahr 1926 mit all seiner Kraft gearbeitet hatte. Diese Aufgabe war sein Leben und er war sich wohl irgendwann sicher, das seine Lebenszeit nicht ausreichen würde für deren Bewältigung.

Wie schon gesagt – wir sahen im Film ein faszinierendes Bauwerk, wir sahen faszinierende Men-schen, vom Arbeiter bis zum Chefarchitekten, vom japanischen Katholiken bis zum spanischen Ag-nostiker, die alle mit glühender Begeisterung von ihrem Werk sprachen, auch wenn sie verschiedene Ansichten, z.B. über die heutzutage üblichen Substitutionsmethoden in der Materialwahl (Beton mit Natursteinoptik!) äußerten. So kühn, wie Gaudi geplant hatte, wird die Kirche trotzdem weitergebaut, auch wenn sich die Baumethoden im Lauf der letzten130 Jahre geändert haben. Doch nicht nur die Bautechnik hat sich während dieser langen Zeit geändert, geändert haben sich auch die Baustile. Konzipiert war im Jahr 1882 eine wesentlich kleinere Kirche in einem Stilgemisch aus Neoromanik und Neogotik. Gaudi überarbeitete diese Planung wesentlich, obwohl bei seinem Einstieg in das Vorhaben bereits Teile des Baus schon fertiggestellt waren. Seine Pläne lehnten sich da noch an den Stil des Vorgängers an. In den Folgejahren entwickelten sich allerdings seine stilistischen Auffassungen immermehr hin zu der katalanischen Spielart des Jugendstils, dem "Modernisme", den er später durch seinen expressionistischen Spätstil ablöste. All das ist an den jeweils fertiggestellten Bauteilen der Kathedrale immer noch ablesbar. Stilistische Änderungen – bis hin zu den Stilarten der Moderne - gibt es auch heute noch, denn die Baupläne gingen im Spanischen Bürgerkrieg verloren und die Gipsmodelle, von Gaudi einst in großer Anzahl akribisch gefertigt, wurden zerschlagen. Für die späteren Architekten begann danach ein Puzzlespiel aus mündlichen Überlieferungen, Gipstrümmern (sie füllen lange Regalreihen!) und erhalten gebliebenen Fotografien. Diese "Sisyphusarbeit" wurde im Film auch ausführlich dargestellt. Man bekam neben den Bauarbeiten selbst auch informative Einblicke in die, bei anderen Bauvorhaben kaum auftretenden Rekonstrukti-onsarbeiten für die Planung der weiteren Bauausführung. Man hat es hier eben mit einer "höchst komplizierten langfristigen operativen Baumaßnahme" zu tun, die dazu noch nur aus Spenden, Stif-tungszuwendungen und Eintrittsgeldern finanziert wird! Diese Einnahmen sind allerdings mittlerweile beträchtlich, kommen doch jährlich Besucher millionenweise auf die Baustelle.

Etwa die Hälfte des geplanten Bauwerks ist fertiggestellt. Ein, immer noch mit Vorsicht genannter, Fertigstellungstermin soll der 100.Todestag von Gaudi im Jahr 2026 sein.

Dann würde sich ein kreuzförmiges Kirchengebäude mit einem 90m langen und 45m breiten Haupt-schiff, durchbrochen von einem Querschiff mit 60m Länge und 30m Breite, versehen mit einem um-laufenden Kreuzgang, in der Ebene darstellen. Himmelwärts gewandt, würden dann 18 unterschied-lich hohe Türme zu sehen sein – zwölf für die Apostel (davon vier mit Höhen von 90 bis 112m), vier für die Evangelisten, ein Turm für Maria (125m hoch) und der Hauptturm mit 170m Höhe (für Jesus), 10m höher als das Ulmer Münster, aber nicht höher als die Berge um Barcelona, denn "des Men-schen Werk soll nicht höher als Gottes Werk sein"! Innen wird es sehr hohe Haupträume geben, sie steigern sich von 30m, über 45 und 60m Höhe bis zu einer Gewölbehöhe von 75m über der Apsis. Wie sich die Fassaden zeigen werden, wie die Innenraumgestaltung aussehen wird, war teilweise im Film zu sehen, den Rest kann man versuchen sich vorzustellen – kurz gesagt: Es wird vielfältig! Eine wahrhaft überbordende Zahl von naturalistischen Architekturteilen aller Art – Pflanzen, Tiere, Menschen, aber auch allerhand geometrische Formen und natürlich die verschiedensten Oberflä-chen und Farbgestaltungen werden zu sehen sein. Besonders auffällig sind die filigranen Fassa-dengestaltungen der Türme zu nennen - wie mit Spitzentüchern behängt! Näher textlich auf die Gestaltung einzugehen ist wegen der Vielfältigkeit nicht angebracht, man muss es gesehen haben. Und das alles zu zeigen, ist den Filmemachern auch hervorragend gelungen – der Film ist wirklich sehenswert.

Bisher kam hier nur der Bau mit seiner Geschichte, seiner Gestaltung und seinen Protagonisten zur Sprache, doch wie sieht es mit der Anteilnahme der Bevölkerung an diesem gewaltigen Vorhaben aus? Auch das zeigt der Film auf eindrucksvolle Weise. Er zeigt die riesigen "Schlangen" vor den Kassen, die begeisterten Menschenmassen bei Veranstaltungen im Bereich der "Sagrada Familia", den Anklang bei den vielen jungen Menschen und den Freudentaumel bei der Altarweihe durch den Papst am 7.November 2010. Es gab immer wieder auch Proteste zumeist elitärer Gruppen aus dem In- und Ausland gegen den Bau, gefährden konnten sie ihn nicht! Aber es liegen auch wirkliche Be-drohungen über dem Bauvorhaben: Ein geplanter Schnellbahntunnel in 30m Tiefe unter der an sich schon riskanten Konstruktion könnte eine Katastrophe auslösen! Es ist wohl so, wie es einst ein bekannter deutscher Kirchenarchitekt sagte: Bauen ist ein Abenteuer, groß wie die Liebe und stark wie der Tod! Ob er in diese Feststellung auch den Bau der "Sagrada Familia" einbezogen hat, ist nicht bekannt, man könnte alternativ zum Titel des Filmes, der von einem "Mysterium der Schöp-fung" auch diesen Ausspruch wählen.

Der Filmabend endete, was bei Filmvorführungen nicht gerade häufig vorkommt, mit starkem Beifall, sicherlich ein Beweis für den Eindruck, den er bei uns hinterließ!

Erich Deutschmann