AIV-Treff Technischer Hochwasserschutz in Magdeburg

Ein "brennendes" Thema hatte sich der AIV-Magdeburg diesmal vorgenommen, obwohl es um Maßnahmen gehen sollte, die gegen Gefahren durch Wasser, hier speziell gegen Hochwasserschäden, dringend angebracht sind. Wann das nächste Hochwasser kommt, weiß niemand, doch mit zunehmendem Abstand zur letzten Katastrophe bewegt wohl nur noch die Fachleute, sicher auch die unmittelbar Betroffenen und einige technisch Interessierte dieses Thema. Zumindest sah die Anwesenheit im IBA-Shop Magdeburg so aus: Vor drei hochkarätigen Fachleuten, die als Vortragende gewonnen werden konnten, saßen zahlreiche AIV-Mitglieder, aber nur eine sehr geringe Anzahl von Gästen, obwohl die Veranstaltung öffentlich angekündigt wurde.

Nach einer Begrüßung, durch den 1. Vorsitzenden des AIV Magdeburg, Friedrich Koop, als Leiter des Wasserstraßenamtes Magdeburg (WSA), selbst jemand aus dem Kreis der Fachleute, begann AIV-Mitglied Dr.Dieter Scheidemann, Beigeordneter für Stadtentwicklung, Bau und Verkehr der Stadt Magdeburg, dessen Dezernat (Baudezernat) die Maßnahmen des Technischen Hochwasserschutzes der Stadt koordiniert, mit seinem Vortrag. Er erläuterte zuerst die zwei "tragenden Säulen des Hochwasserschutzes, den Operativen und den Technischen Hochwasserschutz. Der Operative Hochwasserschutz befasst sich mit Maßnahmen unmittelbar beim Eintritt eines Hochwassers während der Technische Hochwasserschutz sich mit Vorkehrungen technischer Art befasst, die vor dem Eintritt eines Hochwassers funktionsfähig sein müssen. Ein wesentliches Ziel ist es, den Operativen Hochwasserschutz durch Maßnahmen des Technischen Hochwasserschutzes zu reduzieren. Zur Bearbeitung dieses Aufgabenkomplexes wurde 2013 vom Oberbürgermeister der Stadt Magdeburg, Dr.Lutz Trümper, eine Arbeitsgruppe "Technischer Hochwasserschutz" eingesetzt. Ihr gehören Vertreter der Stadtverwaltung, der städtischen Ver- und Entsorgungsbetriebe (SWM, AGM, MVB), des WSA-Magdeburg und des LHW an. Darunter gibt es noch einige Arbeitsgruppen, die verschiedene Aufgabenbereiche, wie Baurecht, Entwässerung, Feuerwehr, Umweltschutz, Hafen u.a.m. bearbeiten. Die Koordinierung obliegt dem Baudezernat. Der Technische Hochwasserschutz beinhaltet solche Maßnahmen, wie Deichbau, Schutzmauern, Entwässerungen, Genehmigungsvorschriften beim Hausbau (z.B. Kellerausbildung als sog. Weiße Wanne bis hin zum Kellerverbot bzw. generellem Bauverbot), Schutzmaßnahmen im Hafenbereich u.a.m. sowie den umfänglichen Katalog der Reparatur- und Instandsetzungsmaßnahmen an vorhandenen Schutzeinrichtungen. Ein erhebliches Problem bei der Koordinierung von Schutzmaßnahmen sind die verschiedenen Liegenschaftszugehörigkeiten (Land, Stadt, Privat etc.). Dazu kommt noch ein Teil ungeklärter Zugehörigkeiten und damit ungeklärter Zuständigkeiten. Schwierig ist auch die Festlegung der Prioritäten: Was muss zuerst geschützt werden. Die Stadt Magdeburg hat die Stadtteile Werder (Schutzmauer Zollstraße, Brüstungsmauer Turmschanzenstraße und Spundwand Ost-/Badestraße) und Buckau (Schutzmauer am Speicher) priorisiert. (Der Stadtteil Rothensee wird unter den Maßnahmen im Hafen berücksichtigt.) Hinzu kommen die o.g. Reparatur- und Instandsetzungsmaßnahmen. Dr.Dieter Scheidemann schilderte die komplizierte Schaffung der rechtlichen Voraussetzungen für eine ausreichende Planungssicherheit. (Hinzu kommen sicher auch die Voraussetzungen für die Inanspruchnahme der bereitgestellten Mittel.) Geschützt werden soll bis zu einem Pegelstand von 7,80 m (47,70 m NHN), das sind 35 cm über dem letzten Hochwasserscheitel von 7,45 m im Juni 2013. Dies soll durch Deiche, Schutzmauern, Zurückverlegungen bestehender Mauern und durch mehre Maßnahmen im Magdeburger Hafen realisiert werden. Zu den einzelnen Baugebieten wurden jeweils Bürgerversammlungen durchgeführt. Es gibt erhebliche Auseinandersetzungen mit Interessengruppen. Es geht dabei um Baumfällungen oder auch um gestalterische Fragen wegen der teils recht massiven Mauern. Dabei wird oft die Frage gestellt, warum ortsfeste Einrichtungen notwendig sind und ob nicht mobile Wände, wie beispielsweise in Köln ausreichen! Recherchen bei den Besitzern solcher Anlagen haben jedoch keine günstigen Beurteilungen ergeben. Es treten ständig hohe Unterhaltungskosten auf und der Personaleinsatz bei der Aufstellung ist sehr hoch. Bei einem derartigen Elementarereignis, wie einem Hochwasser, würden diese Arbeitskräfte an andere Gefahrenstellen fehlen. Stabile Mauern, wie sie in Magdeburg errichtet werden, erfordern für längere Zeit kaum Unterhaltung und sind bei jedem Hochwasser ohne Personaleinsatz sofort wirksam. Bei der Gestaltung hat man sich große Mühe gegeben, architektonisch ansprechende Formen zu finden. Ein ebenfalls oft geforderter operativer Einsatz von Soldaten mit entsprechender Technik bringt, trotz größter Mühen nicht die Ergebnisse, die man sich allgemein vorstellt. Es ist einfach nicht der Platz vorhanden, um die Fahrzeuge und das technische Gerät handhabungsgerecht aufzustellen. Zudem wird der Einsatz von Rettungsfahrzeugen erheblich behindert, das Chaos ist hier vorprogrammiert.

Zum Hochwasserschutzbereich Hafen äußerte sich dann Friedrich Koop, der die Maßnahmen im Bereich der vom WSA errichteten Niedrigwasserschleuse im Zusammenhang mit dem Hochwasserschutz für den Stadtteil Rothensee schilderte. Hierzu mussten die ursprünglichen Planungen für dieses Vorhaben während der Durchführung der Baumaßnahme gravierend geändert werden. Insgesamt sollen im Hafenbereich für die Ertüchtigung der Uferlinie, den Bau eines Fangdamms und Maßnahmen am Trennungsdamm 16 Mio Euro eingesetzt werden. 2016 sollen die Baulichkeiten fertiggestellt sein. Damit wäre eine erste Hochwasserschutzmaßnahme fertiggestellt.

Eine interessante Überraschung war, dass Burkhard Henning, der Direktor des Landesbetriebes für Hochwasserschutz und Wasserwirtschaft des Landes Sachsen-Anhalt (LHW), obwohl in der Einladung noch nicht erwähnt, zu einem Vortrag gewonnen werden konnte. Er referierte in einprägsamer, den absoluten Fachmann verratender Art, über den Technischen Hochwasserschutz des LHW im Rahmen des Landes Sachsen-Anhalt und ging dabei besonders auf die technischen Grundlagen einer modernen, auf langjährige Erfahrung gestützten, Ausbildung der verschiedenen Schutzanlagen bzw. Schutzvorkehrungen ein. Er schilderte den Aufbau eines, nach diesen Methoden zu errichtenden modernen Deiches, z.B. die Notwendigkeit eines sorgfältig bemessenen "Freibordes" für den Schutz der Deiche gegen Ausspülungen durch Windstau und Wellenschlag und die umfänglichen begleitenden Baumaßnahmen, wie ordnungsgemäß ausgebildete Kontrollwege auf der Deichkrone und zu den Deichen parallel laufende feste Straßen. Als Beispiele für unterschiedliche Schutzwerkausbildungen nannte er den Herrenkrugdeich, die Maßnahmen im Wissenschaftshafen, im Bereich der Sülzemündung u.a.m. Es ist notwendig, den Hochwasserschutz ganzheitlich zu betrachten. So kann man die Deiche in einem Gebiet nicht extrem erhöhen und damit dem nachfolgenden Nachbarn am Fluss schaden. Burkhard Henning wies dann auf einen mittlerweile im europäischen Rahmen eingetretenen Wechsel vom absoluten Sicherheitsdenken zum Risikodenken hin. Grundlage hierfür ist die Richtlinie 2007/60/EG über die Bewertung und das Management von Hochwasserrisiken, auch genannt "Hochwasserrisikomanagement-Richtlinie".Darin ist ein einheitlicher Umgang mit Hochwasserrisiken vorgegeben. Hiernach müssen z.B. Hochwassergefahren- und Hochwasserrisikokarten erstellt werden, die diverse Angaben (Wasserflächengröße und-tiefe, Fließgeschwindigkeiten, aber auch die Flächennutzung, die Anzahl der betroffenen Einwohner u.a.m.) enthalten sollen. Daraus wird dann das erforderliche Hochwasserrisikomanagement erarbeitet. Das Ganze muss in vorgeschriebenen Abständen aktualisiert werden. Wichtig ist z.B. die Ermittlung und geplante Bereitstellung von Retentionsflächen (Polder). Dafür müssen evtl. Deichrückverlegungen erfolgen (Beispiel: FFH-Gebiet Lödderitz, Fertigstellung 2017). Bei aller Berücksichtigung des Naturschutzes ist es auch dringend erforderlich, störenden Bewuchs und Versandungen zu beseitigen. Im Zusammenhang mit dem Hochwasserschutz wurde auch auf das zunehmende Problem der Vernässungen durch Schichtenwasser eingegangen. Hier gibt es allerdings keine Möglichkeiten genereller Schutzmaßnahmen.

Es gab insgesamt viele grundsätzliche Informationen, die bei den Veranstaltungsteilnehmern das vorhandene Wissen vertieft, in einigen Problembereichen sogar zu einem Umdenken geführt haben. Besonders betrifft dies die überzeugende dargestellte Vorrangstellung des Technischen Hochwasserschutzes gegenüber dem Operativen Hochwasserschutz, insbesondere der Vorteil massiver ortsfester Konstruktionen gegenüber beweglichen, im Ernstfall aufzustellenden Konstruktionen. Einleuchtend war auch die Erläuterung des Hochwasserrisikomanagementes. Insgesamt wurde den Veranstaltungsteilnehmern die Bedeutung des Technischen Hochwasserschutzes auf lockere, verständliche Art nahegebracht, wofür den Vortragenden durch lebhaften Beifall gedankt wurde.


Erich Deutschmann