AIV-Treff Eisenbahnüberführung Ernst-Reuter-Allee Magdeburg

Wieder einmal hatte der AIV Magdeburg zu Vortrag und Diskussion über eine heiß diskutierte Baumaßnahme der Stadt Magdeburg eingeladen. Es ging um die Eisenbahnüberführung am Hauptbahnhof, im Zentrum der Stadt, im Volksmund, vereinfachend, "Citytunnel" oder bloß "Tunnel" genannt, womit allerdings der Komplexität dieses Vorhabens keineswegs Genüge getan wird – schließlich geht es um viel mehr.
Zur Klärung dieser Problematik konnte der AIV den Beigeordneten für Stadtentwicklung, Bau und Verkehr der Stadt Magdeburg, Dr.Dieter Scheidemann (AIV-Mitglied), dessen Dezernat (Baudezernat) für dieses Vorhaben seitens der Stadtverwaltung verantwortlich ist und den Amtsleiter des Tiefbauamtes, Thorsten Gebhardt, dessen Amt die Auftraggeberfunktion zu erfüllen hat und dazu gehört die gesamte technische Vorbereitung und die Durchführung dieser komplizierten und umfänglichen Baumaßnahme, bis zur Übergabe und Abrechnung. Beide Vortragende, die mehr als andere über alles, was die Stadt hier zu leisten hat, Bescheid wissen, sind den AIV-Mitgliedern, von mehreren interessanten Vorträgen her, bestens bekannt und so konnten in offener, kollegialer Form bereits während der Ausführungen Fragen und Anmerkungen in das Thema einfließen – ein Vortrag, bei dem die (disziplinierten und fachlich interessierten!) Zuhörer sich sofort beteiligen können, garantiert immer einen interessanten Ablauf – und so war es auch hier. Die Anzahl der verschiedenen Teilmaßnahmen, die Einordnung in einen strengen, knappen Zeitplan, die Berücksichtigung des während der Bauzeit weiter laufenden Verkehrs (Eisenbahn, Straßenbahn, Motorfahrzeuge, Radfahrer und Fußgänger)an diesem "Nadelöhr" der Stadt, dazu die Anzahl der am Bau Beteiligten mit ihren verschiedenen Verantwortlichkeiten zeigen, dass es sich hier um eine außergewöhnliche Baumaßnahme von erheblicher Kompliziertheit handelt. So müssen 5 Bauwerke zur Überführung von insgesamt 12 Gleisen der Eisenbahn abgebrochen und neu gebaut werden, eine ca. 350 m lange zweigeschossige Unterführung ist zu errichten, dazu kommen mehrere Stützwände und Unterfangungen, die an dieser Stelle besonders komplizierte Abwasserkanalisation mit den dazu gehörigen Pumpwerken und die Versorgungsmedien sind zu erneuern, neue Gleisführungen und Haltestellen für die Straßenbahn und die Neugestaltung der Verkehrsflächen für den Individualverkehr kommen auch noch hinzu – und das alles bei stark eingeschränkter Baufreiheit. Die 6 Fachlose fallen in die Verantwortung der DB-Projektbau, der Landeshauptstadt Magdeburg, der Magdeburger Verkehrsbetriebe(MVB), der Abwassergesellschaft Magdeburg(AGM) und der Städtischen Werke Magdeburg(SWM), d.h. es sind komplizierte Koordinierungen erforderlich. Auftragnehmer ist die PORR Deutschland GmbH. Die o.g. Hauptkomplexe untergliedern sich natürlich wieder in eine Vielzahl von Einzelmaßnahmen, die in einem Terminrahmen von Januar 2015 bis zum Oktober 2019, also in einer Gesamtbauzeit von ca. 4 ½ Jahren, abzuarbeiten sind. Dieses umfangreiche und anspruchsvolle Programm hat erhebliche Auswirkungen auf den gesamten Stadtverkehr, es birgt ebenso temporäre Einschränkungen der Erreichbarkeit der Anrainer bis hin zu dauerhaften baulichen Veränderungsmaßnahmen an ihren Immobilien (z.B. der Zugang zum Einkaufszentrum "City Carre"). Und das sorgt natürlich für erhebliche Kritik in der breiten Öffentlichkeit. Da kommt dann schon die Frage nach den finanziellen Aufwendungen (….man hätte dafür doch das und das machen können….usw.), schließlich die Frage: Warum eine Untertunnelung, man hätte doch die vorhandenen Brücken aufrüsten können?! Und ganz zum Schluss kommt dann noch die Frage: Warum überhaupt das Ganze, warum lässt man es nicht, wie es jetzt ist, es wird ja sowieso nicht besser?! Für diese, auch hier im Raum "schwebenden", Fragen – zwar nicht so aufgeregt wie in der Öffentlichkeit - wurden die Antworten im Lauf der Veranstaltung von beiden Vortragenden gegeben.

Die Anlage soll sich später so darstellen: In dem zweigeschossigen Tunnelbauwerk findet auf der untersten Ebene der Kraftverkehr statt, darüber liegen die Straßenbahngleise, die Bürgersteige und die Radwege und auf der obersten Plattform fährt die Eisenbahn. Dazu gehören die Zu- und Ausfahrten, sowie die Anpassungen an den oberirdischen Verkehr. Als Ergebnis gibt es dann eine stark veränderte Verkehrssituation in diesem Stadtgebiet. Außerhalb der Unterführung wird der Damaschkeplatz völlig verändert, der Nordbereich des Bahnhofsvorplatzes wird attraktiver und der Kölner Platz soll auch modernisiert werden, doch letzterer liegt im Verantwortungsbereich der Bahn und da gibt es noch keine genaueren Informationen.

Bis jetzt wurden, relativ unauffällig, die umfänglichen Ver- und Entsorgungsanlagen eingebaut. Doch die Auswirkungen auf den Stadtverkehr werden erheblicher. Dafür sorgen die – je nach Bauphase – erforderlichen baulichen Vorkehrungen für den weiter über den Baustellenbereich laufenden Straßenbahnverkehr (eingleisige Führung!) auch Fußgänger und Radfahrer müssen diese Engstelle passieren können. Auch hier muss das Tiefbauamt mit den Planern und der Bauleitung (minutiös!) planen und koordinieren, Teile der Bauablaufplanung der einzelnen Bauabschnitte und die dazugehörigen Verkehrsführungen mit den jeweiligen Sperrzeiten, Umleitungen usw. zeigte Thorsten Gebhardt in seiner anschaulichen und informativen Videopräsentation. Es wird also sorgfältig geplant - wobei man immer damit rechnen muss, dass bei den baubegleitenden Kampfmittel- und Archäologieuntersuchungen "etwas gefunden" wird, dann muss der o.g. Kreis der Verantwortlichen "operativ" handeln! Problematisch sind z.B. die, bis zu 20 m langen und bis 1,20 m dicken Betonbohrpfähle, für die u.a. die Einsatzbedingungen für ein Großdrehbohrgerät zu schaffen sind. Wegen des weiter durchlaufenden Verkehrs muss die Baustelleneinrichtung wandweise umgesetzt werden, was auch nicht gerade den Baufortschritt fördert.

Nach dem umfangreichen Themenkomplex der technischen Informationen über die Baumaßnahmen, mit den Auswirkungen auf den Stadtverkehr, waren aber auch die o.g. Fragen nach der Notwendigkeit dieser Maßnahme zu beantworten – und in dem Zeitraum bis 2019 sollen parallel dazu noch mehrere große, wichtige Verkehrsbaumaßnahmen "durchgezogen" werden! Das alles zu begründen fiel dann in das Aufgabengebiet von Dr.Dieter Scheidemann, der bereits während des Beitrags seines Vorredners zu einigen Problemen Stellung genommen hatte. Es geht hier vor allem um die Einhaltung bzw. Erfüllung von Bundesgesetzen. Für die Eisenbahnüberführung ist das Eisenbahnkreuzungsgesetz, ein Gesetz des Bundes, das die Gemeinden verpflichtet, sich bei Baumaßnahmen an Kreuzungen zwischen Bahnanlagen und Anlagen des Gemeindeverkehrs nach einem festgelegten Kostenschlüssel zu beteiligen, ursächlich. Stark vereinfacht ist die Situation diese: Die Bahn modernisiert den Knoten Magdeburg, damit auch die Brücke, kann deren Geometrie nicht verändern, setzt die Termine und die Stadt muss nach einer Lösung suchen, die auch ihre Bedürfnisse (z.B. Erzielung einer vorschriftsmäßigen Durchfahrtshöhe, mehr Verkehrsraum) technisch und ökonomisch erfüllt und das ist das vorgestellte Bauwerk, wie gesagt – stark vereinfacht dargestellt! Das andere Gesetz, welches auch für die Häufung großer Verkehrsbaumaßnahmen im Zeitraum bis 2019 sorgt, ist das Gemeindeverkehrsfinanzierungsgesetz (mit dem Entflechtungsgesetz). Die darin bisher enthaltene Beteiligung des Bundes an Verkehrsbaumaßnahmen der Gemeinden soll im Jahr 2019 auslaufen und die Stadt Magdeburg hat mehrere große und wichtige Vorhaben (schon die Eisenbahnüberführung soll ca. 100 Mio. Euro kosten!) vorbereitet, um die anstehenden Mittel nicht verfallen zu lassen. So soll in diesem Zeitraum auch der Ersatzneubau des Strombrückenzuges erfolgen, umfangreiche Sanierungen des Magdeburger Rings sind geplant, sowie mehrere Neubauabschnitte der Magdeburger Straßenbahn. Alle diese Maßnahmen sind von den Ämtern der des Baudezernates, worunter das Tiefbauamt die Hauptlast trägt, und den o.g. städtischen Betrieben vorzubereiten und durchzuführen, das wird eine "Riesenaufgabe". Die Beteiligung der Bürger ist hierbei nicht unwesentlich - müssen sie doch mehrere Jahre die mit dieser Aufgabe verbundenen massiven Verkehrseinschränkungen mit viel Geduld ertragen! Das wird am Ende jedoch mit einer enormen Verbesserung der Verkehrsmöglichkeiten belohnt!

Beiden Vortragenden wurde für die äußerst informativen Ausführungen, die wesentlich zur Klärung einiger Vorbehalte führen konnten, mit anhaltendem Beifall gedankt.


Erich Deutschmann