AIV-Treff "Stadtentwicklung in der Landeshauptstadt Magdeburg –Schwerpunkt Wohnen"

Am 21.06.2016 hatten die Mitglieder des AIV-Magdeburg die Gelegenheit, die seit fast einem Jahr wirkende neue Leiterin des Stadtplanungsamtes, Bauassessorin Dipl. Ing. Heide Grosche kennenzulernen und dies bei einem Vortrag über ein sonst immer auf allgemeines Interesse stoßendes Thema – die aktuelle Stadtentwicklungsplanung. Nun fand aber gerade zu diesem Zeitpunkt ein Spiel der deutschen Mannschaft während der Fußball-Europameisterschaft 2016 statt, was den Kreis der Interessenten deutlich reduzierte. Dies förderte dann aber wiederum die sich rasch entwickelnde, kollegiale Gesprächsatmosphäre. Heide Grosche hatte eine gut ausgearbeitete, sehr informative Video-Präsentation mitgebracht und ging auf Zwischenfragen sofort ein, so dass die Zeit "wie im Fluge" verging. Und dass es sich um ein ausgesprochen kompliziertes und vielschichtiges Thema handeln würde, konnten wir schon Anfang dieses Jahres bei einem Vortrag unseres AIV-Mitgliedes, Joachim Stappenbeck, zu dem verwandten Thema "Städtebauförderung Sachsen-Anhalt" erfahren.

Mit einem verhalten positiven Ausblick auf die demografische Entwicklung der Stadt Magdeburg beginnend, wurden danach die notwendigen Komponenten einer qualifizierten Wohnraumplanung für die kommenden Jahre aufgeführt und kommentiert. Wichtig für die erforderliche Wohnungsanzahl ist natürlich die Haushaltsgröße, die in Magdeburg seit Jahren mit 1,75 Pers./Haushalt stabil ist. Der Wohnungsbestand wird flankiert von dem Problem Leerstand und dem immer noch hohen Sanierungsbedarf. Nicht gerade unwesentlich ist die Anzahl der "verwahrlosten Immobilien" (derzeit 392!). Die Zahl der vorhandenen Geschosswohnungen ist natürlich wesentlich höher als der Bestand an Einfamilienhäusern, aber die Nachfrage nach Einfamilienhausgrundstücken (270 WE/Jahr) ist zur Zeit recht hoch und kann kaum erfüllt werden. Vorhanden sind Wohnbauflächenpotentiale von 6000 WE bis zum Jahr 2030. Soviel zum derzeitigen Stand, detailliert wurden diese und noch weitere Angaben im "Integrierten Stadtentwicklungskonzept- Landeshauptstadt Magdeburg 2025" (ISEK 2025) für eine Hochrechnung auf das Jahr 2025 verwendet.

Ziel ist eine kompakte, resiliente (robuste und anpassungsfähige!) Stadt der kurzen Wege, kurz gesagt: eine Stadt, die für die Zukunft gewappnet ist! Dies soll auf dem heutigen Stadtgebiet durch Revitalisierung und Nachverdichtung erfolgen. Antreibende Zielstellungen der Stadt sind auf diesem Weg die Beteiligung am "Bauhausjubiläum 2019 – Beitrag zur Moderne" (hier hat Magdeburg durchaus ein bedeutendes Potenzial), die Bewerbung "Kulturhauptstadt 2025" und die Bewerbung "Zukunftsstadt 2030"! Stadtplanerisch wurde die Stadt hierzu unter dem o.g. Arbeitstitel "Revitalisierung- und Nachverdichtung" in die Bereiche Innenstadt, 1.Stadtring und 2.Stadtring aufgeteilt. Neben einer Karte der Gesamtstadt wurden vom Stadtplanungsamt Karten dieser drei Bereiche mit detaillierten Darstellungen der verschiedenen Wohnbauflächenarten hinsichtlich Freiflächen- bzw. Nachverdichtungspotentialen erstellt. Hier gibt es schon diverse praktische Erfolge zu verzeichnen, man denke nur an die Baumaßnahmen an der Elbe oder die Sanierungen in Buckau und die Maßnahmen in den Neubaugebieten. Es gibt aber auch Probleme, wie die Altlasten auf den großen Industriebrachen, z.B. in Salbke oder Westerhüsen. Ein Hindernis können auch z.Z. noch geltende Vorschriften darstellen, hier z.B. der Schallschutz, der einer Wohnbebauung im sonst so zukunftsträchtigen Wissenschaftshafen entgegensteht.

Heide Grosche ging dann noch auf die unter dem Arbeitstitel "Wohnungsbau(-sanierungs) offensive für Magdeburg?!" erarbeiteten "magdeburgspezifischen" Erkenntnisse zu den jetzt speziell in anderen Metropolen laufenden Initiativen zur Schaffung bezahlbaren Wohnraums, mit der Bezeichnung "Wohnungsbauoffensive", ein. Danach gibt es in Magdeburg allgemein immer noch einen hohen Bedarf an Sanierungen des Bestandes im Geschosswohnungsbau und einen Bedarf zur Nachverdichtung durch Neubau. Hier haben die Wohnungsbaugenossenschaften und die städtische Wohnungsbaugesellschaft eine lange Tradition, haben einen großen Bestand im Altbau- wie im Neubau und sind auch sonst gut aufgestellt. Sie bilden das Rückgrat des bezahlbaren Wohnraums. Sie sind auch zentral organisiert. Allerdings gibt es das Problem, dass Ergänzungsneubauten und Ersatzneubauten der Bestandssanierung entgegenstehen. Auf der anderen Seite gehört ein großer Wohnungsbestand Kleineigentümern, die oft kein Interesse an einer Modernisierung bzw. Instandsetzung haben.

Für die Lösung des Problems der sogenannten "verwahrlosten Immobilien" wurde eine eigene Arbeitsgruppe gebildet. Zusammengefasst gibt es Handlungsbedarf im Bereich des Einfamilienhausbaus (fehlende Grundstücke!) und auch im Geschossbau gibt es, trotz der noch günstigen Mieten, zunehmenden Bedarf, z.B. an barrierefreiem Wohnraum, aber auch eine zu erwartende Altersarmut ist zu berücksichtigen. Hinzu kommt eine fehlende Vielfalt im Wohnungsangebot. Zu diesen Problemen gibt es interessante Lösungsansätze, wie die Vergabe von Grundstücken der "öffentlichen Hand" nach Konzept, den Ankauf verwahrloster Grundstücke durch die Wohnungsgesellschaften, auch die Förderung von Bauherrengemeinschaften bzw. neu zu bildenden Kleingenossenschaften wäre ein Ansatzpunkt.

Bei der Nachverdichtung sollten auch aus den 20-er Jahren bekannte Wohnformen, wie der Siedlungsbau (Gartenstädte!) wieder aufgegriffen und angepasst werden. Und schließlich wären auch Serienbauten (gelungene Beispiele aus der "Vorwendezeit"!), modulare und minimalistische Bauten anzudenken. Es gibt also viele Lösungsansätze, anschaulich dargestellt wurde dies durch Heide Grosche am Beispiel der Entwicklung des Areals Umfassungsstraße zu einem "Vorzeigeprojekt".

Seitens der Bauverwaltung wurden neben der Arbeitsgruppe "Verwahrloste Immobilien" weitere Arbeitsgruppen gegründet, die nicht nur Funktionslösungen erarbeiten, sich um die Beschaffung von Städtebaufördermitteln kümmern, sondern auch eine Anzahl von stadtgestalterischen Instrumenten, wie Wettbewerbe, Gestaltungssatzungen u.am. vorhalten. Die Bauverwaltung, insbesondere das Stadtplanungsamt, hat zur Erreichung der vorgenannten Ziele einen immensen Arbeitsaufwand zu leisten, wobei immer auch die Organisation einer angemessenen Bürgerbeteiligung in verschiedenen Formen zu berücksichtigen ist. Hier wünscht sich Heide Grosche mehr Engagement der Bürger selbst. Was man gemeinhin Bürgersinn nennt, ist in Magdeburg oft noch ein "zartes Pflänzchen". Wie man selber feststellen kann, fehlt vielen Bürgern die emotionale Bindung an die Stadt, mit Kritik allein ist es nicht getan.

Seitens der anwesenden AIV-Mitglieder wurde, neben dem Hinweis auf Schwachpunkte der derzeitigen städtebaulichen Situation, viel Zustimmendes zu den Ausführungen von Heide Grosche geäußert. Ergänzend wies z.B. Dr. Ulrich Querfurth hinsichtlich der oft bemängelten Gestaltung auch kleinerer Neubauten darauf hin, dass in größeren Dimensionen gedacht werden muss, dass gestalterische Vorbilder geschaffen werden sollten, die positiv auf kleinere Vorhaben einwirken können. Für die Publizierung komplizierter Probleme Magdeburgs bot Heinz Karl Prottengeier dem Stadtplanungsamt Hilfsmöglichkeiten durch die Pressearbeit des Vereins an. Eine fruchtbare Zusammenarbeit wäre durchaus wünschenswert. Mit einem Dank des 2. Vorsitzenden des AIV-Magdeburg Uwe Blechschmidt an die Leiterin des Stadtplanungsamtes der Stadt Magdeburg Heide Grosche unter dem Beifall der AIV-Mitglieder endete dieser interessante Vortragsabend. An dieser Stelle auch ein Dank an Heide Grosche für die freundliche Zurverfügungstellung ihrer Unterlagen für diesen Bericht.


Erich Deutschmann