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Ein Beitrag zur Wiedergewinnung der Identität historischer Städte – Studienreise des AIV-Magdeburg nach Posen, Danzig und Stettin, 22. – 25.September 2016



Wie wird es in diesen polnischen Städten aussehen, etwas neugierig waren wir – 40 Exkursionsteil-nehmer des AIV-Magdeburg – schon, als wir uns am frühen Morgen auf dem Magdeburger ZOB trafen. Unser erstes Ziel war POSEN (Poznan). Nach dem Mittagessen in einer urigen Gaststätte begann unser Stadtrundgang auf dem "Alten Markt" (Stary Rynek) mit seiner Hauptattraktion, dem prächtigen Rathaus, dem Wahrzeichen Posens, 1536 im Stil der italienischen Renaissance erbaut. Der komplett von gotischen bzw. Renaisancegebäuden umsäumte Platz wirkte angenehm durch seine Proportionen, auch die Maßstäblichkeit der Bebauung und die abwechslungsreiche Farbge-bung gefielen. Ein Gefühl der Gleichförmigkeit kam nicht auf, obwohl der Platz nach den Zerstörun-gen des 2.Weltkriegs komplett wiederaufgebaut, d.h. zumeist rekonstruktuiert, wurde. Wir besichtig-ten noch die barocke "Pfarrkirche" mit ihrer berühmten Ladegastorgel und sahen auch das benach-barte ehemalige "Jesuitenkolleg". Die Zeit von zwei Stunden war für einen Innenstadtrundgang knapp bemessen, trotzdem zeigte uns die Stadtführerin noch die "exakte" Rekonstruktion eines Teils des "Königsschlosses" (Zamek Krolewski) aus dem Jahr 2012. Es wirkte etwas wie "Legoland". Insgesamt hat uns die Posener Innenstadt jedoch sehr gut gefallen.



Der Bus fuhr weiter. Abends sahen wir dann die charakeristischen Türme von DANZIG (Gdansk), unser Hotel war erreicht. Am nächsten Tag ging es aber erst einmal nach MARIENBURG (Malbork). Am Ufer der Nogat sahen wir sie dann, die imposante Marienburg, erbaut im 13.Jahrhundert unter der Herrschaft der Deutschritter. Seitdem wurde und wird immer wieder an ihr gebaut. Faszinierend ist die Kombination einer furchteinflößenden Festungsanlage mit einem eleganten und komfortablen Amts- und Wohnschloss. Es soll sich um die größte, aus Ziegeln gebaute Burg der Welt handeln. Auf einer Fläche von 20 Hektar wurden (errechnete!) 4,5 Millionen Ziegel verbaut und dies auf ca.6000 in den Sumpfboden gerammten mächtigen Eichenpfählen. Im Inneren imponieren besonders die kunstvollen Gewölbe auf den schlanken Stützen. Es existiert noch eine Fußbodenheizung aus der Erbauungszeit und die "technologische Lösung" der zentralen "Toilettenanlage" wurde uns auch vom Burgführer erläutert. Die drei Stunden Besichtigungszeit vergingen schnell. Von der hölzernen Brücke über die Nogat aus wurden noch letzte Fotos geschossen und es ging zurück zum Hotel.



Nachmittags erkundeten wir die Danziger Innenstadt - noch ohne Stadtführer. Hierfür kam uns die perfekte Innenstadtlage des Hotels "Admiral" sehr zustatten, ein paar Schritte und wir waren schon am "Langen Ufer" (Dlugie Pobrzeze). Am "Krantor", dem Wahrzeichen Danzigs vorbei, zum "Grü-nen Tor" führte unser Weg zum prächtigen "Langen Markt" (Dlugi Targ) und der anschließenden ebenso großartigen "Langgasse" (Dluga). Von den vielen Sehenswürdugkeiten seien hier nur das "Rechtstädtische Rathaus", der "Artushof" mit dem "Neptunbrunnen" davor und das "Uphagenhaus" genannt, die meisten Häuser Renaissancebauten, aber auch Bauten der Gotik. Wir gingen bis zum "Goldenen Tor" und dem nachfolgenden "Hohen Tor" und wieder zurück, uns bot sich ein großartiger Anblick. Als Kontrast zu dieser Pracht erwies sich die engere "Frauengasse" (jetzt Mariatska) mit der "Marienkirche" am Ende. Mit den Danziger "Beischlägen" – erhöhte, terrassenartige Vorplätze an den Eingangstüren, zumeist mit dazwischen liegenden Kellerläden, kam bei uns das Gefühl eines einstmals beschaulicheren städtischen Lebens auf, so perfekt hatten die Architekten der Nach-kriegszeit die Szenerie gestaltet, denn es waren größtenteils Rekonstruktionen, die wir, wie in der Posener Innenstadt, auch hier sahen.

Die Stadtführung mit örtlicher Reiseleitung fand am nächsten Tag statt. Hier konnten wir auch einen Blick in das Innere der Gebäude werfen. Hinter den historisierenden Fassaden waren die Grundrisse meistens modern, man scheute sich auch nicht, zwei Hausbreiten für eine moderne Wohnung zu benutzen. Wir sahen z.B. ein größeres atriumartiges Laubenganghaus, bei dem auch die große Grundstückstiefe der Danziger Häuser ausgenutzt wurde. Uns wurde aber auch ein historischer Hausgrundriss und ein historisches, heute noch betriebenes Postamt gezeigt.


Unserer Stadtführerin standen nur zwei Stunden zur Verfügung, trotzdem fand sie noch Zeit uns eine typische Danziger Kirche zu zeigen, die – und das war nun wieder untypisch für Polen - nach dem Krieg nicht barock umgestaltet wurde. Auch für die Besichtigung des "Krantors" fand sich noch Zeit, aber dann ging es nach ZOPPOT (Sopot), wie Danzig und Gdingen, Teil der DREISTADT (Trojmiasto), einer Metropolregion an der Ostsee. Auf der Fahrt wurden uns in den verschiedenen Siedlungen auch die Häuser gezeigt, in denen der polnische Nationalheld Lech Walesa und der deutsche Schriftsteller Günter Grass gelebt hatten. In Zoppot hingegen kam der deutsche Schauspieler Klaus Kinsky zur Welt. Heute ist Zoppot wieder ein gefragtes Ostseebad. Wie das berühmte Grandhotel wirkte alles frisch renoviert, die 500m lange Seebrücke und die hübschen weißen Pavillons waren von zahlreichen Gästen besetzt. In GDYNIA, dem ehemaligen Dorf Gdingen, hatte man in den zwanziger und dreißiger Jahren einen Großhafen errichtet. Die damit entstandene Stadt wurde zumeist im Bauhausstil aufgebaut, im sozialistischen Polen kamen dann Plattenbauten hinzu. Auf dem Rückweg kamen wir dann noch durch Danzig-Oliva, bekannt durch den Dom und das Kloster mit dem "Äbtepalast". Vor der abendlichen Folklorveranstaltung war noch etwas Zeit für eine kurze Besichtigung des neu erbauten "Solidarnosc-Zentrums". Die Fassaden aus Cortenstahl erinnern an einen Schiffsrumpf. Auch der riesige Innenraum soll an ein Schiff erinnern. Der Komplex ist imponierend. Mit einem amüsanten kaschubischen Abend in einem Danziger Traditionsrestaurant endet unser Danzigaufenthalt.


Am Sonntagmorgen gönnten wir uns noch einen Blick auf die Danziger Altstadt, ehe es auf die lange Fahrt entlang der polnischen Ostseeküste nach STETTIN (Szczecin) ging. Dort hat es der Stadt-führer verstanden, uns bei 1,5 Stunden Stadtrundfahrt die Schönheiten seiner Stadt nahezubringen, indem er uns die großen Grünanlagen, die Oder mit der berühmten "Hakenterrasse", die Gründer-zeit- und Jugendstilbauten und die eleganten historischen Villen zeigte. Auch der Hinweis auf die Stadtplanung von 1870 durfte nicht fehlen. Im Gegensatz zu Posen und Danzig hat Stettin aber kaum noch ein historisches Stadtzentrum, die Kriegszerstörungen wurden bisher nur bei einigen historischen Gebäuden, wie dem "Greifenschloss", dem "Alten Rathaus" oder bei den Kirchen besei-tigt, auch die historischen Tore sind erhalten. Ein Wiederaufbau der Wohnhäuser hat begonnen, zwar in kleinteiligen Einheiten, aber mit einer Gestaltung ohne historischen Bezug. Die Stärken Stettins liegen mehr auf einer abwechslungsreichen Stadtlandschaft. Dies war nun die letzte polnische Stadt, wenige Kilometer vor der Grenze zu Deutschland.

Was hat uns diese Reise gebracht? Schon nach den ersten Besichtigungen stellten wir fest, dass der größte Eindruck von den lebendigen historischen Innenstädten Posens und Danzigs kam. Sie werden von der Bevölkerung und den Touristen sichtbar angenommen. Auf uns wirkten sie einfach authentisch, dabei ist bekannt, dass sie zum Ende des 2.Weltkriegs total zerstört waren, dass sie in einer armen, von Wohnungsnot geprägten Zeit wieder aufgebaut wurden und das zumeist als Re-konstruktionen. Dabei wurde, aus politischen Gründen, zugleich "reiner Tisch gemacht" – es wurde im Baustil der Zeit vor 1795 wieder aufgebaut, zumeist als Gotik und Renaissance, einzelne klassi-zistische Bauten ausgenommen – die Gründerzeitbebauung verschwand. Die Architekten ließen ihrer historisierenden Fantasie freien Lauf, glücklicherweise von den damals knappen Finanzen begrenzt – es war ein eklatanter Verstoß gegen die "reine Lehre"! Seitdem haben die Häuser "Patina" aufgelegt. Die Wirkung, auch auf uns, ist durchaus positiv.Wer weiß denn heute nach über 70 Jahren noch, wie die Städte vorher wirklich aussahen. Eins steht aber fest, so gut wie jetzt hätten sie nicht ausgesehen, wenn man die damals schon bekannten Regeln des Denkmalschutzes strikt eingehalten hätte: Diese polnischen Städte sind wie ein "Phönix aus der Asche" aufgestiegen, sie haben ihre Identität wiedergewonnen!

Nach unserer glücklichen Rückkehr konnten wir sagen: Unser AIV-Reiseteam hat wieder einmal eine interessante Studienreise organisiert, vielen Dank dafür!


Erich Deutschmann


Weitere Bilder und ein Kurzvideo von der Exkursion sind zu finden unter:

https://www.dropbox.com/sh/8j6g5ziyvizmpc0/AAB28c60sn0lQFV6tzq3pdbba?dl=0
Bei einer evtl. Weiterverwendung oder Weitergabe bitte immer angeben: Quelle: AIV-Magdeburg