AIV-Diskussionsabend – Ersatzneubau Strombrückenzug

Zur letzten Veranstaltung des Jahres, dem alljährlichen Diskussionsabend, traf sich eine ansehnliche Anzahl Magdeburger AIV-Mitglieder und einige Gäste, am 13.Dezember 2016 im historischen Saal der "Lukasklause". AIV-Vorstandsmitglied Joachim Stappenbeck hatte zu einem besonders interessanten Thema eingeladen – der Planung des Vorhabens Ersatzneubau Strombrückenzug. Es war gelungen für diesen Vortrag einen ausgewiesenen Fachmann zu gewinnen, den Projektleiter dieser Großbaumaßnahme der Stadt Magdeburg, Karsten Eins vom Tiefbauamt.

Nach einer kurzen Einführung durch Joachim Stappenbeck erläuterte Karsten Eins anhand einer gut gestalteten Videopräsentation die Notwendigkeit dieses Vorhabens. Er ging dabei über die Stadtgrenzen hinaus auf die regionale Bedeutung der Ertüchtigung des Strombrückenzuges ein, insbesondere für die Evakuierung des östlichen Hochwassergebietes - die letzten dramatischen Hochwasserereignisse sind uns dafür noch in Erinnerung. Und hier kommt der Zustand im Kämpfer- und Scheitelbereich der beiden Bogenbrücken aus dem 1882 auf den Prüfstand. Wir sahen hierzu die zahlreichen Schadensbilder, aber auch die schon laufenden Sanierungsmaßnahmen. Karsten Eins schilderte dazu in leicht verständlicher Art die statisch-konstruktiven Probleme, z.B. die Gefahr des Aufschwimmens bei den hohen Wasserständen. In den letzten Jahren hatte man mit diversen Notmaßnahmen, wie der Minimierung der Belastung (Begegnungsverbot der Straßenbahnen), Senkung der Geschwindigkeiten der Straßenbahnen mittels einer automatischen Geschwindigkeitsbegrenzung, hier als "Tempomat" bezeichnet, u.a.m. versucht die Funktionsfähigkeit der Brücken aufrecht zu halten, doch die sogenannte "Bauwerksnote" verschlechtert sich ständig. Für die Kontrolle der Bauwerkszustände wurde deshalb ein Monitoringsystem installiert. Die speziellen "Extensiometer" (Dehnungsmesser) wurden uns auch im Bild gezeigt. Für eine Schadenskartierung wurden zudem Drohnen eingesetzt. Das unmittelbare Umfeld der Baumaßnahme ist außer den beiden Bogenbrücken, wovon die Anna-Ebert-Brücke als größte Konstruktion ihrer Art an der Elbe ein Alleinstellungsmerkmal besitzt, durch weitere historisch wertvolle Objekte, wie Teile der ehemaligen Festung geprägt. Zudem befindet man sich in einem Fauna-Flora-Habitat-Gebiet (FFH-Gebiet). Hier ist bei baulichen Maßnahmen eine besondere Sensibilität erforderlich. Man muss an dieser Stelle schon sagen, dass Karsten Eins uns die komplizierten Einzelheiten dieser "Mammutaufgabe" so anschaulich und lebendig darstellte, dass zu keiner Zeit Langeweile aufkam, alle Zuhörer folgten mit großem Interesse seinen Ausführungen. Dazu trugen auch die umfänglichen und detaillierten Visualisierungen bei.

So konnte man sich außer der kühnen Doppel-Pylon-Brücke auch die geplanten Außenanlagen vorstellen, die mit ihren Rampen und Treppenanlagen, unter Einbeziehung von historischen Festungsbauteilen, sicherlich einen weiteren markanten Aussichts- und Treffpunkt an der Elbe bilden werden. Aufgrund des ausgesprochen informativen Anschauungsmaterials kamen dann auch gestalterische Fragen auf, z.B. warum die senkrecht stehenden Doppel-Pylone nicht als Schräg-Pylone zusammengeführt werden konnten. Diese architektonische Frage wurde, wie sollte es bei Brücken, den "Traumbauten" der Ingenieure auch anders sein, von Karsten Eins konstruktiv ausführlich beantwortet: Es geht aus statischen Gründen nicht!

Es kam dann zum geplanten Bauablauf. In 5 Phasen soll das Vorhaben bis zur Verkehrsfreigabe im Jahr 2020 getrieben werden, wobei die europaweite Ausschreibung bereits vor dem Planfeststellungsbeschluss beginnen soll. Hier kamen Zweifel bezüglich eventueller juristischer Risiken (Schadenersatzforderungen?) auf. Man zeigt sich aber zuversichtlich, es ist ja keine bautechnische Frage, sondern eine juristische! Im Verlauf der Beschreibung der einzelnen Bauphasen kam dann zwischendurch die Frage: Was wird aus der "Kanonenbahnbrücke"? Hier sagte Karsten Eins, dass dieses Thema noch nicht ganz "vom Tisch" ist, schließlich wird darüber gerade eine Bachelorarbeit geschrieben. Bezüglich der Kosten und der späteren Betreibung zeigte er sich aber skeptisch. Zum Bauablauf gehört auch, wie oben schon dargestellt, eine Reihe vorgezogener Arbeiten, u.a. Artenschutzmaßnahmen in der näheren Umgebung, archäologische Suchschachtungen, der Rückbau von in beanspruchten Kleingartenanlagen, die Kampfmittelsondierung und die Notinstandsetzung der Anna-Ebert-Brücke. Letztere wird aus bauorganisatorischen Gründen in Etappen (3 Gewölbe/Jahr) durchgeführt.

Besonders erwähnt wurde von Karsten Eins die Anzahl überregional beachteter Innovationen, die sich bisher aus dieser Aufgabe ergeben haben, u.a. eine Richtlinie der MVB, die sich mit der Kombination von Kraftfahrzeug- und Straßenbahnverkehr auf Brücken befasst und als solche ein Novum darstellt sowie div. technische Lösungen für die Ertüchtigung der vorhandenen Strombrücke, für das sensible Gründungsgebiet des Ersatzneubaus (kriegsbedingte Auffüllungen, teilweise Klüftigkeit) u.a.m. Abschließend wurde auch die heikle Frage nach den voraussichtlichen Kosten gestellt, die sich (nach derzeitigen Berechnungen!) im Bereich von 60 Millionen Euro bewegen können, wofür man mit einer 100-prozentigen Förderung rechnet. Und damit schloss Karsten Eins seinen, wie schon oben erwähnten, lebendig gehaltenen, ausgesprochen informativen Vortrag.

Mit den Dankesworten des Vorstandes und guten Wünschen für die anstehenden Feiertage und den Jahreswechsel ging, unter lebhaftem Beifall der Anwesenden, die letzte der immer interessanten Veranstaltungen des AIV-Jahresplanes zu Ende.


Erich Deutschmann


Das vom Tiefbauamt zum Thema erstellte Faltblatt kann hier in voller Auflösung eingesehen und heruntergeladen werden:

Außenseite:
http://www.magdeburg.de/PDF/sbz_leporello_160920aussen.PDF?ObjSvrID=37&ObjID=22583&ObjLa=1&Ext=PDF&WTR=1&_ts=

Innenseite:
http://www.magdeburg.de/PDF/sbz_leporello_160920innen.PDF?ObjSvrID=37&ObjID=22584&ObjLa=1&Ext=PDF&WTR=1&_ts=